— 18—
forſcher verfahren. Er muß die Entwickelung der gleichen Bedeutungen in ihren Uebergängen bei den verſchiedenen Sprachen beobachten und vergleichen, um die Geſetze der Begriffsentwickelung über⸗ haupt und ſchließlich den Urſprung der Sprache ſelbſt zu finden. Dahin zu gelangen, war das Ziel ſeiner edelſten Sehnſucht. Er raſtete nicht, er richtete ſeine Fragen an die indogermaniſche Sprach⸗ welt, an die Sprachen der Semiten, an das Chineſiſche, zog die von der Literaturentwickelung noch nicht berührten Sprachſtämme Africa's in den Kreis der Unterſuchung, die ihn unausgeſetzt, wo er ging und ſtand, buchſtäblich Tag und Nacht beſchäftigte, bis ihm endlich aus der Ferne Ge⸗ wißheit winkte und er mit jenem unbeſchreiblichen Gefühle, mit dem die Entdeckung einer neuen Wahrheit den unausgeſetzt mit Anſpannung aller Geiſteskräfte ſehnſuchtsvoll nach erhöhter Erkennt⸗ niß ringenden Menſchen beglückt, ſein eügora ausrief. Es war im Herbſt des Jahres 1849, als er von Heidelberg zurückkehrend, dem Vertrauten ſeiner Studien, ſeinem Freunde Theodor Neu⸗ bürger, mittheilte, er habe durch eine Reihe ſprachwiſſenſchaftlicher Entdeckungen den Urſprung der menſchlichen Sprache und Vernunft gefunden, er werde im Stande ſein, über die Entwickelung derſelben unumſtößliche Gewißheit zu geben. Sein Entſchluß war gefaßt: der Aufſtellung einer Be⸗ deutungslehre, der Darlegung des Urſprunges und der Entwickelung der menſchlichen Sprache und Vernunft ſollte die ganze Arbeit ſeines Lebens gewidmet ſein.
Es handelte ſich um nichts Geringeres, als um eine neue Wiſſenſchaft, welche, wie er hoffte, allein im Stande ſein werde, das Bedürfniß nach Klarheit und Gewißheit über die letzten Ziele philo⸗ ſophiſcher Erkenntniß wirklich zu befriedigen und die Philoſophie zum erſten Male auf die uner⸗ ſchütterliche Grundlage unbezweifelter Erfahrung zu ſtellen. Während auf der einen Seite die Philo⸗ ſophie lange Zeit den Anſpruch erhob über die inneren Gründe der Natur⸗ und Geiſteserſchei⸗ nungen aus ſich heraus zu entſcheiden, während auf der andern Seite die Naturwiſſenſchaft durch Eindringen in das körperliche Weſen der Welt den philoſophiſchen Problemen ein concreteres Ziel als je vorher gezeigt hatte: entfaltete ſich vor Geiger nunmehr die Aufgabe, ebenſo auch für die dunkle Innenſeite der Dinge, für das Denken, Wahrnehmen und Empfinden in einer nicht weniger empiri⸗ ſchen Wiſſenſchaft ein neues Licht zu ſuchen ¹). Dem Irrthum des Materialismus glaubte er entgegen treten zu müſſen, welcher durch die Empirie des Stoffes das Innere der Dinge zu erfahren ſuchte, aber ebenſo wenig war er mit Kant einverſtanden.„Kant“, ſagte er,„indem er in ſeiner Kritik die Be⸗ dingungen der Erfahrung ſelbſt unterſuchen wollte, glaubte dieſe mit Hülfe der Erfahrung nicht ſuchen und finden zu können. Iſt aber außer derſelben ſie zu ſuchen möglich? Er behandelte die Vernunft wie ein Augenglas, deſſen Brechungskraft oder Farbe wir feſtſtellen, um bei Beurthei⸗ lung der Gegenſtände von ihr abſtrahiren zu können. Aber die Vernunft iſt kein Augenglas, das wir ablegen können, um es zuvörderſt ſelbſt zu beobachten: die Vernunft iſt das Auge ſelber. Eine Prüfung der Vernunft durch die Erfahrung an ihr, durch ihre Geſchichte, dies iſt es, was unſer Denken fördern wirdz es iſt die philoſophiſche Aufgabe der Gegen⸗ wart.— Es genügt nicht länger dem Denken, dieſem bewundernswertheſten aller Triebe, eine bloße Ausbildung, eine, wenn ich ſo ſagen darf, mechaniſche Zunahme durch ein Jahrtauſende lang fort⸗ geſetztes Erfahren, Lernen, Entdecken und Erfinden zuzugeſtehen: wir dürfen uns der Ueberzeugung nicht verſchließen, daß die Vernunft gewachſen, daß ſie aus weſentlich andern Geiſteszuſtänden erſt entſprungen iſt, deren Spuren ſie noch jetzt in ihren Functionen aufweiſt, ja, ohne deren Voraus⸗
¹) Urſprung der menſchlichen Sprache und Vernunft. S. XIV.
‿


