Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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philoſophiſche Syſtem Geigers entſcheidend wichtige Betrachtung gewidmet iſt ¹). Wenn wir ſo den reifen, durch Studien, Beobachtungen und Erfahrungen bereicherten Mann, völlig verändert zu denſelben Gegenſtänden der Betrachtung zurückkehren ſehen, die ihn als Knaben beſchäftigt haben, ſo meinen wir, er habe an ſich ſelbſt wahrgenommen, was er ſo ſchön und wahr ausdrückt:Die menſchliche Vernunft geht einen Weg aufwärts und abwärts und kehrt oft zu jenem Punkte zurück, von dem ſie ausgegangen war, jedoch verwandelt; und wenn ſie ſodann in ihrer Wirkung ſich auch wieder gleich geworden ſcheint, ſo thut ſie zwar Daſſelbe, aber anders. Der Menſch ſchreitet vom Glauben über den Zweifel zum Wiſſen, und nicht ſelten gelangt der in einem langen Verlaufe des Erfahrens an das Ziel Gekommene zu keiner anderen Ueberzeugung, als die der Gedankenloſe unbe⸗ fangen gehegt, aber das Denken unterdeß verlaſſen hatte. Doch dieſe Kreisbewegung darf darum nicht überflüſſig ſcheinen, da die Seele ſie nicht ohne einen hohen Gewinn vollendet, nämlich des Bewußtſeins ²).

Wunderbar, hatte der Knabe ausgerufen,unbegreiflich iſt Alles, was um uns vorgeht). Von allen Wundern war ihm das räthſelvolle Problem der menſchlichen Sprache und das Wunder des Verſtändniſſes unausgeſetzt ein Gegenſtand tiefſinnigen Nachdenkens geblieben*). Von den Ge⸗ danken, die er als Knabe darüber gehegt hatte, war er natürlich längſt zurückgekommen. Die Sprache, dieſe Ueberzeugung befeſtigte ſich ſchon in dem Studenten immer mehr und mehr, iſt nicht erfunden, nicht gemacht, ſondern geworden; ſie iſt kein Kunſt⸗ und Verſtandeswerk, ſondern Naturproduct): wie die lebendigen Meiſterwerke der körperlichen Welt, ſo hat auch die Sprache die Vo llkommenheit ihrer Organiſation ohne menſchliches Zuthun und Bewußtſein erlangt. Will man die Sprache erkennen, ſo muß man, wie ein Naturforſcher, beobachtend zu Werke gehen, man muß den ganzen Proceß ihres Werdens geſchichtlich verfolgen. Bopp, Grimm und andere große Sprachforſcher haben dies gethan, ſie haben uns die Erkenntniß von den Geſetzen des Sprachlauts zu erſchließen begonnen. In der Sprache tritt aber das Denken und Empfinden der Menſchen auf, und wie jedes einzelne Wort als Laut einen Sprachtheil, ſo enthält es als Begriff einen Theil der Vernunft. Um alſo ſo ſagte ſich Geiger, das Weſen der Sprache zu erkennen, genügt es nicht, die Lautgeſetze zu erforſchen, man muß auch fragen: nach welchen Geſetzen entwickeln ſich die Bedeutungen der Wörter, die Begriffe? Ja, erſt wenn man die geſetzliche Reihenfolge ermittelt haben wird, in welcher Begriffe entſtehen und nicht entſtehen können, wird man in dieſen Bedeutungsgeſetzen ein ebenſo untrügliches, wie unentbehrliches Kriterium für die Etymologie haben ⁶6). Die Bedeutungs⸗ entwickelung der Wörter aber geht nicht etwa aus einem mehr oder weniger verſtändigen Proceſſe hervor, ſie geſchieht unbewußt, unmerklich, allmählich, ſie kann nicht durch Speculation ergründet, ſie muß durch Beobachtung feſtgeſtellt werden. Wie der Naturforſcher die Entwickelung des Embryo aus der Zelle in den einzelnen Entwickelungsſtadien bei den verſchiedenen Thierſpecies beobachtet und vergleicht, um zu allgemeinen Entwickelungsgeſetzen zu gelangen, ähnlich muß der Sprach⸗

¹) Urſprung der Sprache und Vernunft S. 232 251.

¹) A. a. O., Seite 91.

³) S. oben Seite 9.

¹) Vergl. die ſchöne Stelle Urſprung der Sprache Seite 1 809 2. ²) S. unten Seite 22.

) Urſprung der Sprache S. XIX.