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IV.
Im October 1847 bezog Geiger die Univerſität Bonn und blieb dort zwei Semeſter. Die Ereigniſſe des Jahres 1848 ergriffen ihn mächtig; Tagelang verfolgte er im Sommer 1848, hie⸗ her zurückgekehrt, in der Paulskirche ſitzend, die Debatten der National⸗Verſammlung. Während ſeiner Studienzeit in Heidelberg, October 1848 bis October 1849, ging er auf längere Zeit zu Verwandten nach Karlsruhe, ausdrücklich, um dem Mittelpunkte der badiſchen Bewegung recht nahe zu ſein und Alles an der Quelle zu ſehen. Das fünfte Semeſter ſtudirte er in Marburg und be⸗ endigte mit dem Januar 1850 ſeine akademiſche Studienzeit, da wo er ſie begonnen hatte, in Bonn.
Die herrliche Naturumgebung dieſer Univerſitätsſtädte übte einen mächtigen Zauber auf ihn aus: friſch, heiter, lebensfroh, unternahm er gern mit näheren Freunden Ausflüge in das nahe Gebirge, lernte reiten ¹), war ſeinen Commilitonen bei allen fröhlichen Zuſammenkünften durch ſeine geiſtreichen Scherze und ſeine bis an die Ausgelaſſenheit ſtreifende, aber doch immer maßvolle Heiter⸗ keit ein allgemein gern geſehener Genoſſe. Dabei war er der fleißigſte Student; Er hörte im wei⸗ teſten Sinne philologiſche, außerdem naturwiſſenſchaftliche(u. g. Chemie bei Bunſen), hiſtoriſche und juriſtiſche Vorleſungen. Von den Univerſitätslehrern fand er ſich am meiſten zu F. G. Welcker hinge zogen. Wie wir aus brieflich von Marburg aus an ſeinen Vater gerichteten Fragen erſehen, ſetzte er auf der Univerſität auch die talmudiſchen Studien fort: irgend einen Tractat des Talmud nahm er überallhin auf die Univerſität mit.
Man würde aber ſehr irren, wenn man etwa die Vorſtellung hätte, als ſei er, ruhelos in immer neue Gebiete des Wiſſens hinüberſchweifend, in das wüſte, die Kraft zerſplitternde Treiben ſogenannter Vielwiſſer verfallen. Das war vielmehr der Vorzug dieſes Geiſtes, daß er früh Alles ſeinen Ideen dienſtbar machte.— Sei es, daß er, wie er ſo gern that, mit Kindern ſpielte und mit innerem Vergnügen ihrem Treiben zuſah oder daß er Stundenlang die hochgehenden Wogen der parlamentariſchen Debatten in der Paulskirche mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit verfolgte und ſeinen Blick feſtklammerte an die Geſichtszüge und Geberden der leidenſchaftlich erregten Volkstribunenr kurz, Alles was er ſah, beobachtete, erfuhr, lernte, ſetzte er in Beziehung zu den großen Problemen, die ihn unausgeſetzt beſchäftigten: gleich den aus weit verbreiteten Wurzeln dem Baume zuſammen⸗ ſtrömenden Säften diente alles ſeiner geiſtigen Kräftigung, ſeinem innern Wachsthume.
Es iſt characteriſtiſch, daß Geiger Alles, was er je geſchrieben, von früher Jugend an ſorgfältig aufbewahrt hat. Dieſe Zeugniſſe ſeines Geiſtes ſind überaus lehrreich für uns. Schon das Wenige, das mir davon zu Geſicht bekommen, zeigt eine merkwürdige Continuität in ſeinem Denten ſeiner geiſtigen Entwickelung. Neben ſeiner Abhandlung über den Urſprung der Sprache, von der wir oben berichtet, finden wir aus ſeiner Gymnaſialzeit eine Abhandlung„über den Zu⸗ fall“, ein Gegenſtand, dem in ſeinem Hauptwerke eine tiefgehende, in ihren Reſultaten für das ganze
¹)„In der Reitſchule zu Marburg“, ſchreibt mir ſein Freund,„ſah ich ihn mit vieler Grandezza zu Pferde ſitzen.“ Ob er reiten lernte, weil er ſchon damals mit Jacob Grimm der Anſicht war, daß dem Sprachforſcher zuweilen auch Laienkenntniſſe zu empfehlen ſeien, weiß ich nicht, bin aber geneigt, es zu glauben.— Jedenfalls kamen ihm dieſe Kenntniſſe ſpäter auch bei ſeinen wiſſenſchaftlichen Forſchungen zu Gute, wie wir aus einer An⸗ merkung in ſeinem Buche, Urſprung der Sprache, S. 268— 274 iehen. die er als einen lcnen equeſtriſchen Ex⸗ curs“ bezeichnet. Dplis e inie E


