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Es war nun ausgemacht Geiger ſollte Orientaliſt, oder wie er, immer auf Allgemeines aus⸗ gehend, zu ſagen vorzog, Gelehrter werden; zunächſt aber mußten die Gymnaſialſtudien beendigt werden. Um ſogleich in eine höhere Klaſſe des Gymnaſiums eintreten zu können ſchien es zweckmäßig durch Privatunterricht ſich dazu vorzubereiten. Indeſſen war es ihm unmöglich ſich auf die Vorbereitung zu einem Examen zu beſchränken, er ging ſeinen eignen Weg. Glücklich in dem Gefühle der Freiheit, ließ er ſich von ſeiner ſchrankenloſen Wißbegierde auf die entlegenſten Gebiete des Wiſſens fort⸗ reißen. Von Herder und Mendelsſohn ging er auf Leſſing zurück, deſſen Wolffenbütteler Fragmente und Erziehung des Menſchengeſchlechtes er nicht oft genug leſen konnte. Rouſſeau, der Lieblings⸗ ſchriftſteller ſeines alten Lehrers Neubürger, blieb nicht unbeachtet, dann wurde Buffons Natur⸗ geſchichte, natürlich die franzöſiſche Ausgabe, fleißig geleſen. Einen beſonderen, Reiz übte die Be⸗ ſchäftigung mit der Mathematik und der mathematiſchen Geographie auf ihn aus. Das„Lehrgebäude der deutſchen Redezeichenkunſt von Gabelsberger“ ſtudirte er damals durch und bald ſtenogra⸗ phirte er geläufig ¹). Seitdem er wieder in der Nähe ſeines Vater lebte, gewann die freilich auch in Mainz nicht unterbrochene Beſchäftigung mit der rabbiniſchen Literatur und dem Talmud ein er⸗ höhtes Intereſſe: der Sabbathtag war ihr zumeiſt ausſchließlich gewidmet. Kurz vor ſeiner Ab⸗ reiſe aus Mainz hatte er ſeinem Vater gemeldet, er habe ſich bei guter Gelegenheit Adelung's und Vater's Mithridat in der neueſten Auflage gekauft, ein vierbändiges Buch, das von Geſenius oft er⸗ wähnt werde und eine Sprachlehre von 500 Sprachen enthalte²): man kann ſich denken, mit wel⸗ cher Begier er es jetzt durcharbeitete. Sein Fleiß war, ſeitdem er ſich von den Feſſeln des Comp⸗ toirdienſtes frei fühlte, ganz beiſpiellos. 393
Ende Juli 1845 ließ er ſich in das Gymnaſium aufnehmen. Nach halbjährigem Beſuch der Sceunda und anderthalbjährigem Aufenthalt in Prima empfing er im Auguſt 1847 das Zeugniß der Reife.—
Nachdem er lange bei ſeinen Studien faſt ausſchließlich auf ſich ſelbſt angewieſen geweſen war, that es ihm wohl, im Gymnaſium einen feſt geregelten Unterricht zu erhalten und zu einer An⸗ zahl gelehrter Männer feſte Beziehungen zu gewinnen. Herling’s deutſcher Unterricht zog ihn an. Die Ausarbeitung der deutſchen Aufſätze bot dem Primaner Gelegenheit frei ſchaffend aus ſich heraus⸗ zutreten und in den Leiſtungen auf dieſem Gebiete that es ihm keiner ſeiner Mitſchüler auch nur annährend gleich. Herling erkannte ſeine ganz ungewöhnliche Begabung und wandte ihm eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit zu: mit unnachſichtiger Strenge ſuchte er ſeine ausſchreitende Phantaſie zu bändigen, geißelte die kühnen Gedankenſprünge, den durch Bilderreichthum überſchwänglichen und oft ſchwerfälligen Stil und nöthigte ihn zu möglichſt nüchterner Betrachtung, und zu ſchlichter, leicht verſtändlicher Ausdrucksweiſe.— In ſeiner Bewunderung des griechiſchen Alterthums wurde er durch Schwenk's ſinnige Behandlung, der griechiſchen Tragiker und feine Bemerkungen über die griechiſche Kunſt nun erſt recht beſtärkt; auch ſeine etymologiſchen Erläuterungen verfehlten nicht die
¹) In der Stenographie hat Geiger ſpäter ein Jahr hindurch an unſerer Schule unterrichtet. ²)„Das Buch wird Dir gewiß gefallen!“ ſchrieb er ſeinem Vater. Wie günſtig Geiger auch ſpäter über den Mithridat urtheilte, erſieht man aus ſeiner, unſerem vorjährigen Programm vorgedruckten Abhandlung S. 4.


