Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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unmöglich. Er ſann auf ein Mittel ſeine Eltern dafür zu gewinnen, ihn ſtudiren zu laſſen. Schon früher hatte er, da er bei ſeinen orientaliſchen Studien, die er wie wir geſehen, in Mainz mit Eifer fortſetzte, die Exiſtenz eines chaldäiſchen Wörterbuches vermißte, begonnen dieſe Lücke auszufüllen; jetzt ſetzte er dieſes Unternehmen eifrig fort, der nunmehr fünfzehnjährige Knabe hoffte durch das Lob, das er ſich durch die Herausgabe eines chaldäiſchen Wörterbuches verdienen würde, ſeine Eltern zu überzeugen, daß er eine beſſere Laufbahn einzuſchlagen berechtigt ſei als die eines Buch⸗ händlers⸗ 4

Froh in dieſem Gedanken ſetzte er nunmehr, etwa ſeit dem Januar 1844 nach einem beſtimmten Plane, den er ſich entwarf, ſeine Studien heimlich fort: neben ſeinen orientaliſchen Studien las er Virgil und Homer, ſtudirte Thierſchs griechiſche Grammatik, beſonders des ioniſchen Dialects, über⸗ ſetzte aus dem Deutſchen ins Lateiniſche und ſchickte dieſe Uebungen von Mainz nach Frankfurt ſeinem Lehrer Eberz zur Correctur, unterhielt, um ſich im freien Gebrauch der lateiniſchen Sprache zu üben, mit ſeinem jüngeren Bruder einen lateiniſchen Briefwechſel und las,um darin nicht auf Abwege zu gerathen die Cicerenianiſchen Briefe.

n Die Heimlichkeit, mit der dieſes Alles geſchah, der Widerſpruch, der ſich gegen dieſe Thätigkeit, wo ſie bemerkt wurde, geltend machte, der Umſtand, daß man ihm im Geſchäfte zuweilen Unordent⸗ lichkeit und Gedankenloſigkeit vorwarf dieſes Alles erhöhte nur ſeinen Eifer für die Wiſſen⸗ ſchaften. Er gefiel ſich wohl in dem Kampfe gegen die ihn umgebenden niedrigen Mächte. Hatte nicht auch Schiller einſt ſo gerungen? war nicht auch dieſer Heros gezwungen worden, der Poeſie heimlich zu pflegen, wie er jetzt genöthigt war, heimlich zu ſtudiren? und erzählte man ſich nicht gar von Shakespeare, er ſei einem Metzger aus der Lehre entlaufen? Auch er hatte die Gewiß⸗ heit in ſich, daß es nur von ihm abhienge etwas zu wirken: immer mächtiger erhob ſich die Be⸗ Jerbt nach Ruhm in ſeiner Seele.

Vor der Hand ſtählte ſie ihm die Widerſtandskraft und machte ihn unempfindlich gegen die Aeudecungen der Unzufriedenheit ſeines Lehrherrn. Dieſem aber wurde immer mehr klar, daß das Verhältniß für die Dauer unhaltbar ſei und ſo ſetzte er eines Tages ſeinem Lehrling zu deſſen Ueber⸗ raſchung auseinander, wie ſein längeres Verbleiben im Geſchäft nur Zeitverſchwendung und unnütz ſei und drückte ihm, ohne ihn übrigens zu drängen, mit ſichtbarem Wohlwollen den Wunſch aus, er möge ſeinen Eltern ſich endlich entdecken. Geiger erbat ſich Bedenkzeit, er wandte ſich an ſeine Schweſter, ſeine treue und bewährte Beratherin, dann in einem ergreifenden Briefe an ſeine Mutter, endlich auch an ſeinen Vater ¹). Die Verhandlungen dauerten mehrere Wochen, bis endlich eines Morgens Herr von Zabern ihm einen eben aus Frankfurt eingetroffenen Brief mit den Worten übergab:Jetzt hüpf', tanz' und ſpring', Dein Vater läßt Dich ſtudiren! Das Herz des Knaben überſtrömte von Dank⸗ barkeit gegen ſeine Eltern, als er im September 1844 ſeiner geliebten Vaterſtadt zueilte.

¹) Auch Eberz wurde zu Rathe gezogen und wir verdanken dieſer Zeit innerer Kämpfe eine Reihe von merkwürdigen Briefen, von denen einer in der Beilage mitgetheilt iſt,