Aufsatz 
Dr. Conrad Mel : weiland geistlicher Inspector und Rector des Gymnasiums zu Hersfeld ; ein Lebensbild aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
Einzelbild herunterladen

hältnisse und Personen seinen heilsamen Absichten dienstbar zu machen, das lag sowoh, an seinem sich an der harten, rauhen Wirklichkeit zurückbiegenden weichen Charakter als auch an seiner fast übertriebenen Vielseitigkeit und an der Beschränktheit seiner bei allem Ernste und bei aller Wahrheit doch mehr weltfliehenden als weltbeherrschen- den und an der rührigen Hast des Subjectivismus leidenden Frömmigkeit. Vieles kommt indessen noch auf Rechnung seiner langwierigen körperlichen Schwächlichkeit und sei- nes Hauskreuzes. Von seinen vierundzwanzig Kindern starben zwanzig vor ihm her, und zuletzt verlor er auch die Gattin, mit der er sechsunddreissig Jahre Leid und Freud getheilt hatte und deren plötzlicher Tod ihn mächtig erschütterte 1). Wenn aber darum auch sein Leben nicht dem mächtigen Strome gleicht, dessen Fluten im geregelten Lauf Leben und Bewegung ganzer Länder bedingen, so ist es doch einem an seinem Gipfel von den Wolken des Himmels getränkten Bergen nicht unähnlich, von welchem viele kleine Bäche nach den verschiedensten Richtungen hin in die herumliegenden Thäler abfliessen.

Dreiundvierzig Jahre hatte er in seinem Amte gewirkt. Seine Kräfte nahmen zu- sehends ab; endlich nahte der Tod. Am 3. Mai 1733, eines Sonntags Nachmittags, sprach er zu denen, die sein Krankenbett umstanden: Mein Haus ist bestellt, und verschied, 67 Jahr alt. Sein Tod versetzte Stadt und Land in allgemeine Trauer. Das zeigte sich auch an der grossen Leichenbegleitung, welche seinem Sarge in die Stiftskirche folgte, wo Pfarrer Ledderhose von Niederaula die Grabrede hielt. Das Schönste, was dieser am Grabe Mels gesprochen, ist das Zeugnis, dass Niemand den Mann in den neunund- zwanzig Jahren seines Amtes in Hersfeld zornig gesehen habe. Als im Jahre 1761 die herrliche Stiftskirche zu einer Ruine wurde, ist auch Mels Grab darin spurlos gewor- den. Aber das Andenken an diesen Gerechten lebt noch fort, wie im Lande so nament- lich in Hersfeld, wo die Leute noch Vieles vomDoctor Mel erzählen ²).

1) Sie starb den 18. November 1728. S. Wilh. Bra uns, Pfarrer in Kirchheim, Leichensermon auf das Absterben Annen geb. Jursky- Hersfeld 1720. fol.

²) Auch einige Anekdoten. Mels Bildnis mit den von einer grossen Perücke umhüllten sanſten Ge- sichtszügen findet sich vor den Letzten Reden. 1756; vor dem Tabernakel; vor den Solennelpredigten 1758 und vor dem Antiq. sacer von 1719. Um den Rahmen des Bildes liest man die Worte: Du leitest mich nach deinem Rath und nimmst mich endlich mit Ehren an(Ps. 73. 24). Unter dem Bild steht ein Bienenkorb, um den einige Bienen herumfliegen, wohl ein Sinnbild mit Anspielung auf den Namen: Mel, nach Ledderhoses Ehrengedächtniss von Mel selbst gewählt.