Aufsatz 
Festschrift des Realprogymnasiums (Realgymnasium ohne Prima) zu Marburg : mit welcher zur Teilnahme an der den 8. April morgens 10 Uhr in der Aula der städtischen Schulen stattfindenden Feier des 25jährigen Bestehens dieser Anstalt Namens des Lehrerkollegiums ergebenst einladet
Entstehung
Marburg 1891/92(1892), 1892-1892
Einzelbild herunterladen

28

Zum Beweiſe der Zweckmäßigkeit eines Realpro⸗ gymnaſiums für jene Zeit wird noch angeführt, daß u. a. in Bonn und Homburg v. d. H. die lateinloſe Realſchule in ein Realprogymnaſium verwandelt worden ſei. Durch die Reform des Berechtigungs⸗ weſens vom 1. und 12. Dezember v. J., welche die Realſchulen bezw. Oberrealſchulen bezüglich der Berechti⸗ gungen mit den Realgymnaſien faſt ganz gleichſtellt, ſowie durch die Anderung im Lehrplane, nach welcher das Franzöſiſche ſtatt wie bisher in V nunmehr im Realgymnaſium des neuen Lehrplanes erſt in IV be⸗ ginnt, war die frühere Lage ſo verändert, daß nach den hier beſtehenden Verhältniſſen kein Zweifel darüber ſein konnte, daß eine Umwandlung des ſeitherigen Real⸗ progymnaſiums in eine lateinloſe Realſchule nunmehr zeitgemäß ſei, insbeſondere bei der Ausſichtnahme, ſobald das Bedürfnis ſich zeigt, ſowohl einen fakultativen Unter⸗ richt im Lateiniſchen von U. III an einzurichten, als auch den weiteren Ausbau zu der viel berechtigten Oberreal⸗ ſchule auszuführen. Dieſe Anſicht fand überall Zu⸗ ſtimmung. Als daher am 5. Januar d. J. unter dem Vorſitz des Provinzialſchulrats Kannegieſſer eine Verſammlung im hieſigen Rathauſe, an der der Stadt⸗ rat, das Kuratorium, einige Lehrer, mehrere beteiligte Väter und Intereſſenten teilnahmen, zur Beſprechung der Umwandlung des Realprogymnaſiums in eine latein⸗ loſe Realſchule abgehalten wurde, fand dieſe mit den beiden Zuſätzen unter der Bedingung allgemeine Zu⸗ ſtimmung, daß durch dieſe Anderung die rechtliche Ver⸗ pflichtung des Staates, alljährlich den bisherigen Bei⸗ trag von 7500 Mark zum Etat der Schule zu zahlen, nicht berührt würde. Die reſp. Eingabe des Kuratoriums, welcher die Zuſtimmung der ſtädtiſchen Behörden bei⸗ geſchloſſen war, wurde dann ſchon am 16. Januar an das Königl. Prov.⸗Schulkollegium zu Caſſel mit der ge⸗ horſamſten Bitte um huldreiche Befürwortung bei dem Herrn Miniſter abgeſandt.

Am 10. März wurde dem Kuratorium vom König⸗ lichen Provinzial⸗Schulkollegium mitgeteilt, daß Seine Excellenz der Herr Unterrichts⸗Miniſter mittelſt Erlaß vom 29. v. M. in huldvoller Weiſe im Sinne der Petenten entſchieden habe.(S. unten Verf. der vor⸗ geſetzten Behörden).

Blickt man, nachdem der Berichterſtatter in ſeiner geſchichtlichen Darſtellung vom Jahre 1836 bis zur Gegenwart gelangt iſt, insbeſondere auf die Wand⸗ lungen zürück, welche die Reallehranſtalt Mar⸗ burgs in dieſer langen Zeit durchlebt hat, ſo iſt doch in letzterer neben jenen auch viel Umwandelbares

und Bleibendes wahrzunehmen, und dieſes zeigt ſich vorzugsweiſe in den letzten fünfzig Semeſtern, in welcher Zeit man wohl einen Wechſel in der Zahl der wöchentlichen Unterrichtsſtunden einiger Lehrgegen⸗ ſtände und infolgedeſſen eine geringe Verrückung der reſp. Lehrziele beobachten kann; während in den doon ethiſchen Unterrichtsfächern in unſerer Schule kaum eine Anderung im Laufe der Jahre eingetreten iſt; denn ſie war, wie es alle höheren Lehranſtalten Preußens mit gemeinſamer ethiſcher Grundlage ſind, immer zuerſt und vor allem eine Erziehungsanſtalt. Dieſe erziehliche Auf⸗ gabe und Pflicht hat denn auch das Lehrerkollegium ſtets in ihrer ganzen Wichtigkeit erkannt und zur Erreichung des Zieles, nämlich die Gewöhnung der Schüler an Gehorſam, Fleiß und gute Sitte mit Ernſt immer erſtrebt, ſowie ſie zur Wahrhaftigkeit, zu lauterer und religiöſer Geſinnung ſtets ermahnt, um hierdurch fruchtbare Keime für wahre Charakterbildung der heranwachſenden Jünglinge zu gewinnen und ihrem Willen eine ideale und humane Richtung zu geben, auf daß ſie befähigt ſind, ſich der⸗ einſt durch chriſtliches Bekenntnis und Wandel am kirch⸗ lichen Gemeindeleben wirkſam zu beteiligen.

Die zweite hier in Betracht kommende Seite der ethiſchen Aufgabe der Schule läßt ſich kurz mit den Worten bezeichnen:Unſere Reallehranſtalt iſt eine deutſche Schule. Als ſolche ſuchte ſie ſtets durch ver⸗ ſtändnisvolle Vertiefung in unſere reiche Litteratur die jugendlichen Gemüter für die Mutterſprache, für echt deutſche Sitte und Sinnesart zu erwärmen, für deutſche Wiſſenſchaft und Kunſtverſtändnis, Achtung und freudige Hingabe zu wecken und zu pflegen. In bem eifrigen Streben nach dieſem Ziele hat ſie ſtets der Großthaten des deutſchen Volkes und ſeiner erhabenen Herrſcher ge⸗ dacht, um durch patriotiſche Schilderungen die ſchlummern⸗ den Keime tiefer Verehrung und edler Nacheiferung zu wahrer Begeiſterung für das deutſche Volk und ſeine Führer anf dem Gebiete des Krieges und des Friedens, der innern und äußern Wohlfahrt lebhaft und nachhaltig anzuregen und feſte Wurzeln ſchlagen zu laſſen. Sowie ſeither eine Namensänderung oder ein Wechſel einiger Lehrgegenſtände und Stunden an dem Hauptziele unſerer Schule und an der Erreichung desſelben eine Anderung nicht bewirkt hat; ſo wird gewiß auch für alle Zukunft der Lehrer eifrigſtes Beſtreben darauf gerichtet ſein, durch Lehre und Beiſpiel eine Jugend zu erziehen und heranzubilden, welche, beſeelt von religiöſem Sinne und idealem Streben, ausgerüſtet mit Kenntniſſen und Fertigkeiten, um in dem Wettbewerb der geſchäftlichen Konkurrenz nicht zu erliegen, in allen Lagen des Lebens das Panier wahren Patriotismus hoch hält:Mit Gott für König und Vaterland.