Aufsatz 
Festschrift des Realprogymnasiums (Realgymnasium ohne Prima) zu Marburg : mit welcher zur Teilnahme an der den 8. April morgens 10 Uhr in der Aula der städtischen Schulen stattfindenden Feier des 25jährigen Bestehens dieser Anstalt Namens des Lehrerkollegiums ergebenst einladet
Entstehung
Marburg 1891/92(1892), 1892-1892
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Von hohem Miniſterium des Unterrichts war denn auch gleichzeitig der Lehrplan, welcher ſeither in der Real⸗ ſchule befolgt worden war, auch für die höhere Bürger⸗ ſchule genehmigt worden.

Nicht unerwähnt darf hier bleiben, daß das Prov.

Schullollegium bei der ausgeſprochenen Anerkennung auf die Mängel des Schullokals aufmerkſam machte und deſſen Abhilfe beſtimmt erwartete. Mit dem Beginne des neuen Schuljahres trat zur Übernahme des lateiniſchen Unterrichts der Kandidat des höheren Lehramts Wagner ein. Zur ſicheren Er⸗ reichung der vorgeſetzten Ziele der höheren Bürgerſchule wäre nun ein ungeſtörter Fortgang im Unterricht recht wünſchenswert geweſen. Das Kriegsjahr 1870 brachte aber zunächſt eine Störung inſofern, als der Lehrer der Mathematik, Herr Kramm, zum Erſatzbataillon des 83. Infanterie⸗Regiments am 2. Auguſt 1870 einge⸗ zogen wurde. In der Erwartung einer gleichſchnellen Beendigung des Krieges wie im Jahre 1866 übernahmen die Lehrer die Stunden des einberufenen Kollegen. Am 17. November trat jedoch Dr. Frankenbach als Ver⸗ treter ein, welchem Kandidat Brötz mit dem Beginne des Jahres 1871 einen Teil der Stunden abnahm.

Es war ganz unvermeidlich, daß die vielen Durch⸗ züge von Militär, die Beunruhigungen wegen des Fort⸗ ganges des Krieges nicht ohne hindernden Einfluß auf den Unterrichtsgang blieben. Infolge dieſer allgemeinen Teilnahme an den Ereigniſſen auf dem Kriegsſchauplatze war es üblich geworden, beim Eintreffen einer Sieges⸗ nachricht den Unterricht auf einige Stunden ausfallen zu laſſen. So wichtig und erfreulich nun auch ſolche Botſchaften waren, ſo mußte doch im Laufe des Sommers eine Beſchränkung eintreten und deshalb be⸗ ſtimmte der Berichterſtatter, daß von Mitte Auguſt an kein Nachmittagsunterricht mehr ausfallen ſolle, es ſei denn, daß Kaiſer Napoleon als Gefangener durch Marburg käme. Gern wurde dann das gegebene Ver⸗ ſprechen erfüllt, als wirklich der franzöſiſche Kaiſer als Gefangener hierdurch nach Wilhelmshöhe geführt wurde. Wir dürfen hoffen, daß die durch die unvergleichlichen Kriegsthaten des deutſchen Volksheeres bewirkte Er⸗ weckung und Stärkung des Nationalgefühls, deſſen Pflege doch auch eine wichtige Aufgabe der Schule iſt, ein geſchätztes Aquivalent für den Ausfall am Unter⸗ richt geboten hat.

Mit dem Schluſſe des Schuljahres Oſtern 1870 bis 1871 ſchied Dr. Neuendorf aus ſeinem Amt aus und Dr. Keller trat als Lehrer der franzöſiſchen Sprache ein. Lehrer Kramm erhielt erſt auf mehr⸗ maliges Petitionieren am 3. Juni 1871 zunächſt längeren Urlaub und dann Entlaſſung vom Militärdienſt, wo⸗ durch es möglich wurde, die beiden Herren Kandidaten Dr. Frankenbach und Brötz mit beſtem Dank für die geleiſtete erfolgreiche Aushilfe zu entlaſſen.

Am 14. Auguſt übernahm Stadtſchullehrer Grün den Turnunterricht, welchen anfangs die Kollegen Kramm und Dute geleitet hatten, leider gab er den mit beſtem Erfolg erteilten Unterricht bei ſeinem Über⸗ gang an die Stadtſchule in Kaſſel mit dem Schluſſe des Schuljahres auf. Kandidat Wagner verließ die

Anſtalt am Schluſſe des Schuljahres 187172 nach zweijähriger treuer Wirkſamkeit, um ſeine Sudien wieder fortzuſetzen. An ſeine Stelle trat als Lehrer der latei⸗ niſchen Sprache der Gymnaſial⸗Hilfslehrer Schäfer, damals am Gymnaſium zu Hadamar beſchäftigt. In gleicher Weiſe, wie nun ſchon zu wiederholten Malen geſchehen, wurde Herr Schäfer bei der Eröffnung des neuen Schulkurſus in gemeinſamer Verſammlung aller Lehrer und Schüler in ſein Amt eingeführt. Am Schluſſe des Sommerſemeſters übernahm der ordentliche Lehrer Kramm eine gleiche Lehrerſtelle an der Real⸗ ſchule erſter Ordnung in Caſſel, nachdem er ſeit dem 5. Auguſt 1867 mit trener Hingebung an ſein Amt und mit wohlbefriedigendem Erfolg gewirkt hatte. Sein Nachfolger war der wiſſenſchaftliche Hilfslehrer Hunrath, zuletzt an der Realſchule zu Mühlheim an der Ruhr, welcher uns aber nach Jahresfriſt ſchon wieder verließ, um eine ordentliche Lehrerſtelle am Gymnaſium in Glück⸗ ſtadt zu übernehmen. Das Lehrerkollegium wünſchte bei ſeinem Scheiden, daß die neue Heimat für ihn werde, was ihr Name beſagt.

Den Turnunterricht übernahm im Oktober 1872 Stadtſchullehrer Hinkel, welcher erſt vor kurzem den Turnkurſus an der Zentrallehranſtalt in Berlin voll⸗ endet hatte und ſomit geeignet war, die im Turnunter⸗ richt eingeführten Änderungen auch hier einzuführen.

Am Schluſſe des Schuljahres 1872/73 am 28. März wurde unter dem Vorſitz des Herrn Pro⸗ vinzialſchulrat Kretſchel die erſte mündliche Abi⸗ turienten⸗Prüfung mit neun Abiturienten mit günſtigem Erfolg abgehalten, nachdem vom 3. bis 8. März die ſchriftliche Prüfung ein Reſultat ergeben hatte, auf Grund deſſen alle Abiturienten zum münd⸗ lichen Examen zugelaſſen wurden. So war denn die Anſtalt nunmehr in regelmäßiger ſechsjähriger fort⸗ ſchreitender Entwickelung an dem Ziel angelangt, welches den höheren Bürgerſchulen durch die Unterrichts⸗ und Prüfungs⸗Ordnung vom 6. Oktober 1859 beſtimmt iſt. Es war zwar die Anerkennung der Anſtalt durch das Miniſterium und das Reichsamt als eine zu Abgangs⸗ Prüfungen am Schluſſe des Examens noch nicht erfolgt, doch konnte ſolches mit Grund gehofft werden, und traf die Anerkennung dann auch am 20. Mai 1873 zur Freude der Lehrer und Schüler, ſowie aller Freunde der An⸗ ſtalt hier ein. Letztere wurde nach§ 154,2 der Militär⸗ Erſatz⸗Inſtruktion in die Zahl derjenigen Anſtalten auf⸗ genommen, bei denen mit beſtandenem Eramen das Befähigungs⸗Zeugnis zum Einjährig⸗Freiwilligen⸗Mili⸗ tärdienſt erworben wird.. 14

Man ließ nun mit allem Grund eine mäßige Er⸗ höhung des Schulgeldes eintreten, indem das Schulgeld für VI und V von 6 auf 8 Thlr., für IV von 8 auf 10 Thlr. und für III von 10 auf 12 Thlr. erhöht wurde, während das Schulgeld für II unverändert 12 Thlr. blieb. Hierdurch wurde es denn auch möglich, ohne Inanſpruchnahme der Stadtkaſſe, den Lehrern eine Aufbeſſerung ihrer Gehalte zukommen zu laſſen.

Eine beſondere Freude bereitete der glückliche Aus⸗ gang der erſten Abiturienten⸗Prüfung dem erkrankten Kaufmann und Goldarbeiter Herrn A. Falck, welcher