2
2
—
dann in der Regel weit unter dieſem Maximum. Seit dem Jahre 1889 hat das Kuratorium nur noch Vor⸗ ſchläge zum Schulgelderlaß zu machen, und der Stadtrat übt das Recht der Verwilligung aus.
Auf eigentümliche Weiſe hatte ſich zur kurheſſiſchen Zeit ein Fonds aus den im Staatshaushalts⸗Etat für das Realſchulweſen zwar verwilligten, aber nicht zur Verwendung gekommenen Beträgen angeſammelt. Durch hohe Verfügung des Herrn Adminiſtrators v. Möller vom 7. Februar und 9. April 1867 wurde dieſe Summe den Realſchulen nachträglich überwieſen, von denen ſie zur Anſchaffung von Lehrmitteln und dergl. verwand wurde. Auch die hieſige Realſchule erhielt einen an⸗ ſehnlichen Betrag, welcher von dem Berichterſtatter zur Beſchaffung einer Bibliothek für Lehrer und Schüler, ſowie für die notwendigen Lehrmittel für Phyſik, Chemie, Naturgeſchichte, Geographie u. a. verausgabt wurde, ſo daß unter weiterer Beihilfe eines mäßigen jährlichen Etatstitels die Vervollſtändigung der Bibliothek und Lehrmittel ſo weit möglich geworden iſt, um allen be⸗ ſcheidenen Anſprüchen nach den angeführten beiden Seiten hin zu genügen.
Je mehr nun die Schule in ihrer Reorganiſation nach beſtimmten Plane weiter vorſchritt, deſto ruhiger wurde das innere Leben, wonach ſich gewiß die Be⸗ teiligten nach den vielfachen, zuweilen auf Exiſtenzfragen hinauslaufenden Wandlungen ſehnten.
Die Aufgabe der nächſten Schuljahre war eben das vorgeſteckte Ziel in ſtetiger Entwickelung, ſobald als thunlich zu erreichen, welchem Streben ſich alles andere unterordnen mußte. So vermehrte ſich mit den weiteren Jahren regelmäßig die Zahl der Klaſſen und mit ihnen auch die Zahl der Schüler(ſ. Frequenzliſte). Der ordentliche Lehrer Hölting ſchied mit dem Schluſſe des Sommerſemeſters 1868 aus,„um zunächſt zu ſeiner praktiſchen Ausbildung nach Frankreich zu gehen und ſpäter an dem Realgymnaſium in Caſſel, ſeiner Vater⸗ ſtadt, eine Stelle zu übernehmen. Der Kandidat des höheren Lehramts Neuendorf trat in ſeine Stelle zuerſt als Vertreter, ſpäter als Nachfolger ein.
Am 18. Auguſt 1869 inſpizierte Herr Dr. Euler, erſter Lehrer an der Königlichen Zentral⸗Turnanſtalt in Berlin, den Turnunterricht, ſowie Lokal, Turnplatz und Turngeräte. Daß die Turnhalle vor dem Barfüßer Thor nicht geräumig genug und der Kampfraſen als Turn⸗ platz zu entfernt, auch ohne Schutz gegen den Regen befunden wurde, und daß für letzteren auf einige Jahre der Renthof an ſeine Stelle trat, ſei hier nur kurz be⸗ merkt, nachdem nach beiden Seiten hin befriedigende Abhilfe beſchafft worden iſt.
Das Jahr 1870 begann mit einem ſehr freudigen Vorfall, als Vorbote ſo mancher anderen und größeren glücklichen Ereigniſſen dieſes Jahres. Wohl infolge einer eingehenden Viſitation der Realſchule am 18. und 19. Oktober 1869 durch den Herrn Provinzialſchulrat Kretſchel erhielt das Kuratorium am 25. Januar 1870 durch eine Verfügung des Königl. Provinzial⸗Schul⸗ kollegiums die höchſt erfreuliche Kunde, daß Se. Excellenz der Herr Miniſter der geiſtlichen, Unterrichts⸗ und Medizinal⸗Angelegenheiten laut mitgeteiltem höchſten
Reſkript die bisherige Realſchule dahier in die Kategorie der höheren Bürgerſchulen im Sinne der Unter⸗ richts⸗ und Prüfungs⸗Ordnung vom 6. Oktober 1859 eingereiht und ihr das Recht erteilt habe, ſobald hinläng⸗ lich vorbereitete Schüler da ſeien, nach Maßgabe des Reglements eine Abiturienten⸗Prüfung abzuhalten. Zur Feier dieſer ſtaatlichen Anerkennung der Anſtalt wurde den Schülern der Nachmittag freigegeben und mit Ver⸗ willigung eines Beitrags ſeitens des Kuratoriums am Abend des 1. Februar ein Schulfeſt im Schullokal ver⸗ anſtaltet, an dem Lehrer und Schüler in gehobener und freudiger Stimmung teilnahmen. Die oberen Schüler hatten ein Transparent angefertigt, auf welchem der erſte Vers des folgenden, vom Primus omnium(Tertianer Keller) verfaßten Gedichts ſtand.
Wir ſind verſammelt hier im frohen Kreiſe Zu feiern einen ſchönen Tag
Und bringen ſo in Schülerweiſe
Den Lehrern unſ're Huldigung dar.
Denn gerne möchten wir beweiſen,
Wie wir verehren den Beruf,
Der ſchwer und ernſt für den zu tragen, Den Menſchenlieb' zum Lehrer ſchuf.
Wie wir in Dankbarkeit und Liebe, Wenn auch nur oft mit ſchwacher Kraft, Uns ernſtlich zu bemühen ſtreben,
Daß ihre Arbeit etwas ſchafft.
Und ihn vor Allem laßt uns heut begrüßen, Der uns fortan als Rektor einverleibt,
Der uns mit ſeinem edlen Streben
In Zukunft unſer Vorbild bleibt.
Wir wollen heute ihm geloben,
Von ihm geführt, den Weg zu gehn,
Der, wenn auch mühevoll— uns doch am Ziele Mit Stolz und Freud' läßt rückwärts ſehn.
Wir alle Schüler, die wir hier verſammelt, Die wir ihm unſere Liebe weihn, Wir wünſchen heut ihm Glück und Segen Und unſrer Schule Blühen und Gedeihn. Vom Tertianer H. Keller.
Der Berichterſtatter benutzte dieſe feierliche Ge⸗ legenheit zu einer Anſprache an die verſammelten Lehrer und Schüler. Der Name Realſchule wurde nun mit „höherer Bürgerſchule“ vertauſcht und die Klaſſen mit Sexta- Tertia(vorerſt) benannt. Die ſchon damals erfolgte Anerkennung war ein ehrenvolles Zeugnis hoher vorgeſetzter Behörde für bewieſenes Streben und er⸗ reichte Leiſtungen, zugleich aber auch ein wirkſamer Sporn für Lehrer und Schüler auf dem betretenen Wege, mit neuer Luſt und Liebe weiter fortzuſchreiten. Für den Berichterſtatter trat noch ein Moment hinzu, die Gefühle freudigen Dankes und gefundener Aner⸗ kennung zu erhöhen, indem er kurz zuvor von Sr. Excellenz dem Herrn Unterrichtsminiſter von Mühler am 21. Januar 1870 zum Rektor der höheren Bürger⸗ ſchule unter huldreicher Anerkennung ſeiner bisher ge⸗
leiſteten guten Dienſte definitiv ernannt worden war.


