Aufsatz 
Festschrift des Realprogymnasiums (Realgymnasium ohne Prima) zu Marburg : mit welcher zur Teilnahme an der den 8. April morgens 10 Uhr in der Aula der städtischen Schulen stattfindenden Feier des 25jährigen Bestehens dieser Anstalt Namens des Lehrerkollegiums ergebenst einladet
Entstehung
Marburg 1891/92(1892), 1892-1892
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dreiklaſſigen Realſchule mit niedrigem Schulgeld beträgt, (ſ. Frequenztabelle), ſo kann man das irrige der Anſicht einſehen, wonach in Marburg kein Boden für eine Real⸗ ſchule ſei, und daß die ſtädtiſchen Behörden wohl Recht hatten, wenn ſie behaupteten, daß der abnehmende Beſuch der Schule mehr auf das ſchwindende Vertrauen und die mangelhafte Einrichtung der Schule zurückzuführen war. Freilich müſſen wir auch die günſtigen Momente für die Frequenz nicht unerwähnt laſſen: wie die Auf⸗ nahme der Schüler vom 9. Lebensjahre an, die in Aus⸗ ſicht geſtellten, durch den Schulbeſuch zu erlangenden Berechtigungen, ſowie die veränderten politiſchen Ver⸗ hältniſſe und das von den preußiſchen Städten gegebene Beiſpiel.

Die erſte Zeit nach der Reorganiſation der Anſtalt bot den Lehrern viel Mühe und Arbeit, weil noch einige Lehrkräfte fehlten. Es waren nur 2 Hauptlehrer der Berichterſtatter und Kollege Leimbach und 4 Hilfslehrer: Religionslehrer Pfarrer Wolff, Gymnaſiallehrer Dr. Collmann, Zeichenlehrer Kramer und Stadtſchullehrer Schreiber zur Verfügung.

Die Schule wurde mit drei Klaſſen eröffnet und dieſen vorerſt, ſoweit als es unter den Verhältniſſen thunlich war, der Lehrplan einer höheren Bürgerſchule mit obligatoriſchem Lateiniſch nach der Unterrichts⸗ und Prüfungsordnung vom 6. Oktbr. 1859 zu Grunde gelegt.

Jene 105 Schüler verteilten ſich nach ihren Kennt⸗ niſſen und unter Berückſichtigung des Alters in der Weiſe, daß die 1. Klaſſe 17 Schüler, die 2. Klaſſe 62 Schüler und die 3. Klaſſe 26 Schüler zählte. Sobald als Hilfe beſchafft war, wurde dann die mittlere Klaſſe in zwei parallele Cötus geteilt, welche in allen Lektionen gleich waren; jedoch war das Durchſchnittsalter des Cötus A 13 Jahre und das des Cötus B 12 Jahre. Das Durch⸗ ſchnittsalter der dritten Klaſſe war 10 Jahre und das der erſten Klaſſe 15 Jahre. In dieſer Klaſſe wurde dann auch das Lateiniſche nicht mehr eingeführt, da vorausſichtlich dieſe Schüler nur noch kurze Zeit die Anſtalt beſuchen würden.

Im Laufe des Sommerſemeſters vervollſtändigte ſich denn auch das Lehrerkollegium, indem am 11. Juni Herr Gymnaſialpraktikant Hötting aus Caſſel und am 1. Juli 1867 Herr Reallehrer Dute von der Real⸗ ſchule zu Carlshafen eintraten, ſodaß von dieſer Zeit an Herr Dr. Collmann von der Schule zurücktrat, welchem die Anſtalt für die bereitwilligſt und erfolgreich geleiſtete Aushilfe zu großem Dank verpflichtet bleibt.

Am 5. Auguſt wurde auch die fünfte Hauptlehrer⸗ ſtelle mit dem Kandidaten für das höhere Lehramt Herrn V. Kramm beſetzt, ſo daß nunmehr das Lehrerkollegium vollzählig war. Derſelbe übernahm auch mit dem 1. November den neueingeführten Turnunterricht in allen Klaſſen. Der hieſige Turnverein hatte die Freundlich⸗ keit, gegen eine jährliche mäßige Vergütung die Be⸗ nutzung der Turnhalle vor dem Barfüßer⸗Thor und des Turngerätes den Realſchülern zu geſtatten. Dieſes Verhältnis blieb bis zur Erbauung der neuen Turn⸗ halle für die ſtädtiſchen Schulen im Jahre 1887.

Damit es dem Berichterſtatter möglich werde, gemäß eines ehrenvollen Auftrages Sr. Excellenz des

Königl. Adminiſtrators von Kurheſſen, Herrn von Möller, die internationale Ausſtellung zu Paris zu beſuchen, wurden die Herbſtferien auf die Zeit vom 18. September bis 9. Oktober 1867 verlegt.

Die nach ſorgfältiger Erwägung und Prüfung ein⸗ geführten Lehr⸗ und Übungsbücher blieben lange Zeit, ja ſind zum Teil noch in Gebrauch.

Längere Beratungen machte der von der Lehrerkon⸗ ferenz auf Anordnung der vorgeſetzten Behörde zu ent⸗ werfende Lehrplan für die reorganiſierte Anſtalt nötig. Als Ziel der letzteren hatte man in Berückſichtigung aller, insbeſondere auch lokaler Verhältniſſe, den Lehr⸗ plan einer höheren Bürgerſchule ins Auge gefaßt, wozu man in gewiſſer Hinſicht ſchon beſtimmt hingewieſen wurde, da der Staatszuſchuß an die Bedingung geknüpft war, daß der Unterricht im Lateiniſchen obli⸗ gatoriſch ſein müſſe.

Der aus den Beratungen hervorgegangene Lehrplan erhielt die Genehmigung der vorgeſetzten Behörde und wurde im Januar 1868 veröffentlicht. Er ſchließt ſich in den Unterrichtsgegenſtänden und ⸗ſtunden, ſowie in den Penſen und Zielen der einzelnen Klaſſen und der Anſtalt genau an den in Wieſe's Verordnungen und Geſetzen enthaltenen Lehrplan an, ſo daß bei dem Mangel an Raum hier von einer Mitteilung desſelben abgeſehen werden kann und der allgemeine Lehrplan ge⸗ nügen möge.

Lehrgegenſtände. Kl. v. v. V WV. 1II. II. Religion 3 2 2 2 2 11 Deutſch 5 4 4 3 3 19 Lateiniſch 8 6 6 5 4 29 Franzöſiſch 5 4 4 4 17 Engliſch 4 3 7 Geſchichte 2 2 2 2 2 10 Geographie 2 2 2 2 1 9 Naturwiſſenſchaften 1 2 2 2 5 12. Mathematik und Rechnen 5 4 6 6 6 27 Schönſchreiben 2 2 2 6 Zeichnen 2 3 14 4 4 17

30 32 34 ſ 34 34 1164

Geſang und Turnen.

Am 22. Januar 1868 unterzog Herr Regierungs⸗ und Schulrat Kretſchel zu Caſſel die Anſtalt einer Reviſion, auf Grund deren er ſich gegen den Vorſtand in anerkennender und ermunternder Weiſe über die ge⸗ troffenen Einrichtungen und die wahrgenommenen Leiſtungen der Lehrer ausſprach.

Durch die Munificenz der ſtädtiſchen Behörden wurde auf Antrag des Mitgliedes des Kuratoriums Herrn A. Falck(Beſchluß des Stadtrats und Gemeinde⸗ Ausſchuſſes vom 8. Mai, reſp. 24. Mai 1867 und der Königl. Regierung dahier vom 20. Auguſt 1867) für jede Klaſſe vier Freiſtellen gegründet, im ganzen zwanzig, und die Vergebung derſelben dem Kuratorium übertragen. Es iſt jedoch die volle Zahl niemals ver⸗ willigt worden. Später wurde die an preußiſchen höheren Lehranſtalten beſtehende Verordnung eingehalten, daß der Schulgelderlaß nicht über 10% der Soll⸗Ein⸗ nahme betragen darf; die Verwilligungen blieben auch