Aufsatz 
Festschrift zur Begrüssung der ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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deutſchen Mittelalters. Im Grunde iſt Goethes„Fauſt“ ein mo⸗ derniſiertes Myſterienſpiel und will und kann ſeine mittelalterliche Grundlage nicht verleugnen. So entſprechen die drei Entwickelungs⸗ phaſen, welche Fauſt zu durchlaufen hat, den drei Abteilungen im Myſterienſpiel: Himmel, Hölle, Erde. Goethe verlegt zudem den Schau⸗ platz der Handlungen abwechſelnd in dieſe drei Welten, und Fauſts inneres Leben befindet ſich bald der einen bald der anderen nahe. Die magiſche Tonart von Anfang und Schluß der Dichtung ſtreift gleichfalls an das Myſterienſpiel, und durch dieſes waren auch die komiſchen Elemente gegeben. Die Versform iſt im allgemeinen noch die von Hans Sachs. Die holzſchnittartige Charakteriſtik der Figuren, der loſe Zuſammenhang unter den Scenen, die Miſchung von Pro⸗ fanem und Heiligem, all die Freiheiten, die ſich das Faſtnachtsſpiel in ſpäterer Zeit gönnte, Anſpielung auf die Zeitereigniſſe in ſym⸗ boliſcher und allgemeiner Form— all das iſt ganz im Stil der alten Myſterien. Das ſechzehnte Jahrhundert verſtand im Drama nur eine Abwechſelung von Dialogen, und das Hineinragen über⸗ natürlicher Weſen beeinträchtigte nicht die Zurechnungsfähigkeit der menſchlichen Perſonen. Die Muſik— man denke an die Geiſterchöre im Goetheſchen„Fauſt“— umſchwebte das Ganze und diente dazu, die Stimmung auf die rechte Höhe zu bringen und in einen Duft zu verſetzen, der das Geiſterreich leichter verträgt und annehmbarer macht. Das eben Geſagte gilt weſentlich von dem Formellen der Dichtung; was den Inhalt anbetrifft, ſo iſt derſelbe durch die Maſſe des in ihm zur Verarbeitung gekommenen Stoffes von durchaus univerſaler Natur. Beinahe nichts, was für das Geiſtesleben der Menſchen des acht⸗ zehnten Jahrhunderts von Intereſſe war, iſt hier unberührt geblieben. Faſt iſt der Rahmen— der ſich aus den Zügen der Sage und des Volksſtücks zuſammenſetzte— zu enge, um dieſe Ideeenfülle zu um⸗ ſpannen. Von einer Einheit der Handlung kann man demnach auch ſchon nicht im erſten Teile der Dichtung reden, nur von einer leitenden Idee, die das Ganze durchzieht, oftmals aber von der Maſſe des herandrängenden Stoffs durchkreuzt und verdunkelt wird. Drei Kultur⸗ epochen ſind im Goetheſchen Fauſt ineinander goéſchmolzen: Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Zwei Religionen, ſtellenweiſe mit einander verſchlungen, ſpielen darin: Heidentum und Chriſtentum, erſteres als antikes und germaniſches. Selbſt zwei Welten der Kunſt reichen ſich