Aufsatz 
Festschrift zur Begrüssung der ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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ſchaft überhaupt. Sein Schmerz über die Ohnmacht der Wiſſenſchaft ſeiner Zeit wird zu einer Verurteilung der Wiſſenſchaft überhaupt, als des einzigen Mittels, um ſich des Objekts zu bemächtigen und der Natur ihre Geheimniſſe abzufragen. Man ſieht hieraus, wie innig der Standpunkt Fauſts in dieſem Monologe mit der ganzen Zeit und Zeitſtimmung zuſammenhängt, der die Geſtalt des Frag⸗ ments Fauſt entſprungen iſt. Fauſts Zuſtand der Verzweiflung am Wiſſen iſt ein ebenſo notwendiger Durchgangspunkt zur wahren Be⸗ deutung und Macht der Wiſſenſchaft, als die Sturm⸗ und Drang⸗ periode in der Poeſie zur Herausbildung der künſtleriſchen Form und des allgemein menſchlichen Gehalts.“*)

Man kann ſich dem Reiche der Ideale auf doppelte Weiſe zu nähern ſuchen, einerſeits durch das theoretiſche Streben, ſie erkennend zu erwerben und zu durchdringen, und andererſeits durch das praktiſche Bemühen, ſie arbeitend und ſchaffend zu realiſieren. Fauſt beginnt mit dem erſteren, geht durch die ſinnliche Realität und die Welt der Schönheit hindurch und endet bei dem letzteren. Ebenſo gut aber könnte der Entwicklungsgang ſich umgekehrt vollziehen: nachdem die Kraft Fauſts ſich der praktiſchen Verwirklichung der Ideale gewidmet, wendet ſie ſich ſpäter ausſchließlich den theoretiſchen Studien zu,— aber Goethe hatte das richtige Gefühl, daß er ſeinen Fauſt den erſten Weg von der Theorie zur Praris einſchlagen ließ, weil dies die Signatur des deutſchen Volksgeiſtes iſt. Daß die Geſtalt des Fauſt ein eigentümliches Produkt des Germanentums iſt,— daß z. B. die leichten, beweglichen, heißblütigen Romanen dem grübelnden Denker in Don Juan, dem Manne des Genuſſes, den entſprechenden, ihre Volkstümlichkeit bezeichnenden Typus entgegengeſtellt haben,— iſt ſchon oft erörtert worden. Wie ſehr Fauſt an kulturhiſtoriſche Beſonderheiten geknüpft iſt, werden wir inne, wenn wir den äußern und innern Aufbau der Goetheſchen Dichtung betrachten. Trefflich hat es der Dichter verſtanden, dem allzugedankenhaften Stoffe die Farbe des Lebens anzupinſeln. Fauſt, der abſolute Menſch, der Repräſentant des geiſtigen Ringens der Menſchheit, der ſchließlich doch über die nationalen Bedingungen hinauswächſt und ſich zum Menſchheitsideal ſchlechthin erweiterte, er tritt uns entgegen in der Beleuchtung des

*) Rötſcher, Jahrbücher für dramatiſche Kunſt und Litteratur.