Aufsatz 
Festschrift zur Begrüssung der ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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ging, war es ihm gelungen, dieſe Annahme aus der bekannten Ent⸗ fernung und Umlaufsgeſchwindigkeit des Mondes zu beſtätigen und dann weiter die von kopernikaniſchem Standpunkt als elliptiſch aufzufaſſenden Bahnen der Planeten in einfacher Weiſe zu erklären, womit eine univerſale Wechſelwirkung der Weltſubſtanzen erwieſen war. Dieſe Wechſelwirkung der Weltkörper beſteht aber in nichts anderem als in der gegenſeitigen Abhängigkeit ihrer Bewegungen, welche Abhängigkeit immer nach demſelben Geſetz ſtattfindet. Wenn man dieſe Abhängigkeit Anziehung nennen will, ſo iſt dagegen nichts zu erinnern, aber es iſt falſch, wenn man hierin den Ausdruck für einen zur Zeit noch unbekannten Vorgang erblickt, welcher dieſe Wechſel⸗ wirkung vermittele.Sonne und Erde äußern eine Anziehungskraft aufeinander, heißt nichts weiter als: Sonne und Erde bewegen ſich im Gegenübertreten geſetzlich nach einander hin; nichts als das Geſetz kennt der Phyſiker von der Kraft, durch nichts ſonſt weiß er ſie zu charakteriſieren. Man ſagt: aber es muß doch ein Grund ſein, daß ſich Sonne und Erde nach einander hin bewegen. Dieſer Grund iſt eben nichts als das Geſetz, daß wenn dieſe Verhältniſſe des Zuſam⸗ menſeins von Körpern gegeben ſind, dieſe neuen daraus folgen.¹) Newton ſelbſt wollte die Gravitation in dieſem Sinne demnach nur mathematiſch nicht phyſikaliſch aufgefaßt haben. Es waren nach ſeiner Auffaſſung die Bewegungen der Planeten nur auf einen gemein⸗ ſamen mathematiſchen Ausdruck gebracht worden, aber nicht als Natur⸗ vorgänge erklärt. Er konnte es dahingeſtellt ſein laſſen, ob die ſpätere Zeit eine ſolche Erklärung vielleicht liefern würde, oder ob die For⸗ derung einer Erklärung überhaupt ohne Berechtigung ſei. Als die Lehre Newtons Eingang fand, wurde die Gravitation indeſſen trotz⸗ dem als etwas wirklich Exiſtentes, als eine phyſikaliſche Kraft gefaßt. Anfangs fand dieſe Lehre von den fernewirkenden Kräften nur mit Widerſtreben Aufnahme, denn man lebte, wie Leibniz z. B., in den durch Descartes verbreiteten Anſchauungen, wonach eine Erzeugung von Bewegung nur möglich erſchien bei unmittelbarer Uebertragung durch den Stoß, man hielt es für unmöglich, daß ein Körper auf das wirken könne, was er nicht berühre, denn das wäre eben ſo viel, als einen Körper da als wirkſam vorauszuſetzen, wo er nicht iſt. /2)

¹) Fechner, Atomenlehre S. 108. 2) Leibniz, a. a. O. S. 108.