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erregten, und das Bedürfnis konnte nicht zu ſo umfaſſenden Anſprüchen anwachſen, wenn ſich die Erwartungen nicht an ſo viel Stellen erfüllten“. ¹) Es ſoll damit geſagt ſein, daß es den thatſächlich gegebenen Be⸗ wegungen zu verdanken war, wenn dieſelben eine wiſſenſchaftliche Auffaſſung ermöglichten, notwendig mußte es nicht ſo ſein.
Als erſter Grundſatz der Mechanik wird gewöhnlich das Princip der Trägheit der Materie aufgeſtellt. Dasſelbe iſt durch Beobach⸗ tung gewonnen worden, aber trotzdem kein Satz, welcher der unmittel⸗ baren Wahrnehmung entſtammt, da hierbei der Begriff eines ſich ſelbſt überlaſſenen materiellen Körpers vorkommt. Ob aber ein Körper ſich ſelbſt überlaſſen iſt, darüber konnten nur Vermutungen aufgeſtellt werden, ein frei fallender Körper ſcheint z. B. auch ſich ſelbſt überlaſſen zu ſein, unterliegt aber nach der jetzigen Auffaſſung der Einwirkung der Schwere. Außerdem war dieſe gleichförmige Fortdauer der Bewegung nirgends zu beobachten, da die beobachteten Bewegungen überall durch Widerſtände allmählich vernichtet wurden. Die Beobachtung zeigte nur, daß, je mehr es gelang, dieſe Widerſtände zu beſeitigen, um ſo länger und gleichmäßiger die Bewegung ſich fortſetzte. Das Träg⸗ heitsgeſetz war mithin zunächſt nur eine Hypotheſe, die erdacht war, um die vorkommenden Bewegungen einmal von dieſem Geſichtspunkt aus aufzufaſſen. Von anderer Seite, neuerdings z. B. von Lotze, iſt behauptet worden, das Trägheitsgeſetz enthalte eine Denknotwendigkeit. Dieſe Verſuche, das Trägheitsgeſetz als denknotwendig begründen zu wollen, ſind auch wiederholt zurückgewieſen worden, zunächſt wohl von Comte. Man ſtützte ſich bei dieſen Verſuchen auf den Satz, daß der Bewegungszuſtand von ſelbſt fortdauern müſſe. Aber hierbei war die Definition des Bewegungszuſtandes dem Trägheitsgeſetz angepaßt und dann war der Satz ſelbſt beſtreitbar, denn nach den ſcholaſtiſchen Satz, daß mit der Urſache die Wirkung aufhöre, war eine Fortdauer des Bewegungszuſtandes unmöglich. Allerdings erſcheint das Träg⸗ heitsgeſetz als eine naheliegende Annahme, indeſſen war es doch nur den Thatſachen zu verdanken, wenn dasſelbe ſich weiter anwenden ließ. Seine Anwendbarkeit bewies es zunächſt dabei, daß ſich mit Hilfe desſelben eine einfache Conſtruktion der Fall⸗ und Wurfbewegungen geben ließ, welche in ihren Reſultaten dem durch die Beobachtung gegebenen entſprach. Lagrange hat daher mit Recht das Genie Galileis
1) Laas, a. a. O. S. 261.


