Aufsatz 
Festschrift zur Begrüssung der ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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weit einfacher geben ließ, als wenn man, was das naheliegendſte war, die Abhängigkeit des Ortes von der Zeit als Gegenſtand der Beſchreibung genommen hätte. Als eine Wiſſenſchaft, die von dem Begriffe der Bewegung ausgeht, iſt die Mechanik in neuerer Zeit be⸗ arbeitet worden.¹) Die Grundſätze werden für dieſe Darſtellungs⸗ weiſe zu Sätzen der Phyſik,ſie betreffen Vorgänge der phyſiſchen Welt und vermitteln die Anwendbarkeit der Mechanik auf die Er⸗ klärung der Naturphänomene, indem ſie ausſagen, unter welchen Vor⸗ ausſetzungen die Lehren dieſer Wiſſenſchaft dort zur Geltung kommen. ²) Daß ein materieller Körper, der ſich ſelbſt überlaſſen iſt, geradlinig und gleichförmig ſich weiter bewegt, daß die Kraftwirkung als Maſſen⸗ beſchleunigung zu faſſen iſt u. ſ. w., ſind demnach Sätze der Phyſik, die auf Erfahrung beruhen und durch welche die Berechtigung gegeben iſt, die abſtracten Conſtruktionen der gleichförmigen Bewegung und Beſchleunigung auf die in der Natur gegebenen Erſcheinungen anzu⸗ wenden.

Ob eine wiſſenſchaftliche Auffaſſung der gegebenen Bewegungen erreicht werden könne, war a priori nicht zu entſcheiden. In der That hat es auch ſehr lange gedauert, bis die Mechanik denſicheren Weg der Wiſſenſchaft einſchlug. Es waren zunächſt gewiſſe Beob⸗ achtungen, wie z. B. die Beobachtung des Fallens der Körper, welche die Erwartung einer wiſſenſchaftlichen Auffaſſung zuerſt erregten, in⸗ dem an ihnen ſich gewiſſe allgemeine Begriffe gewinnen ließen, wie z. B. der Begriff der gleichförmig beſchleunigten Bewegung. Es waren weiter die in der Folge mit dieſen Begriffen gemachten An⸗ wendungen derart, daß ſich andere Bewegungen damit auf einfache Weiſe conſtruieren und ſomit erklären ließen, wie z. B. die Bewegung auf der ſchiefen Ebene und die Wurfbewegung. Infolge der Ein⸗ fachheit und Anwendbarkeit dieſer erſten Begriffe entſtand das Bedürfnis, alle Naturvorgänge ſo begreifen zu wollen, aus dieſem Bedürfnis aber der Glaube, dieſe Art des Begreifens ſei für denknotwendig, für eine Einſicht der Vernunft zu halten, zumal dieſes Bedürfnis überall, namentlich in der Newton'ſchen Erklärung der Planetenbewegungen, ſeine volle Befriedigung fand. Aber das Bedürfnis konnte nicht auf⸗ kommen,wenn nicht die Wahrnehmungen von ſich aus Erwartungen

¹) Schell, Theorie der Bewegungen und Kräfte. 2) Schell, a. a. O. S. 491.