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durch dann die von Kopernikus, Galilei und Newton in Gang gebrachte Naturauffaſſung eine philoſophiſch zureichende Grundlegung erhalten hätte. ¹)
Dieſer rationaliſtiſchen Anſicht, welche die Grundſätze der Me⸗ chanik für a priori gewiß hält, ſteht eine empiriſtiſche gegenüber, die in den principiellen Grundlagen dieſer Wiſſenſchaft nichts weiter ſieht, als ein Syſtem von Begriffen, die der Erfahrung angepaßt ſind und durch welche es gelungen iſt, die in der Natur vorkommenden Be⸗ wegungen unter einen allgemeinen Geſichtspunkt zu bringen. Dabei wird es als möglich hingeſtellt, andere Principien als die gebräuch⸗ lichen zur Grundlage der Mechanik zu machen. Doch ſoll für den gegenwärtigen Standpunkt die beſtehende Principienſetzung die einfachſte und darum zweckmäßigſte ſein.2)) Von dieſem Standpunkt aus hat Kirchhoff die Aufgabe der Mechanik dahin eingeſchränkt,„die in der Natur vor ſich gehenden Bewegungen zu beſchreiben und zwar voll⸗ ſtändig und auf die einfachſte Weiſe zu beſchreiben“.³) Er will damit ſagen, daß es ſich nur darum handeln ſoll, anzugeben, welches die Erſcheinungen ſind, die ſtattfinden, nicht aber darum ihre Urſachen zu ermitteln. Mit der Forderung, daß die Beſchreibung auf die einfachſte Weiſe gegeben werde, iſt geſagt, daß dieſe Beſchreibung auch noch in anderer Weiſe zuſtande gebracht werden könne, womit die principielle Grundlage der Mechanik nur als das paſſendſte Syſtem von Sätzen auftritt, denen daher der Charakter von notwendigen Wahrheiten nicht zukommt. Dieſer empiriſtiſche Standpunkt wurde zuerſt von Comte ſcharf vertreten; nach ſeiner Meinung hat die Mechanik nur die Be⸗ wegung als ſolche zu betrachten, aber nicht die erſten Urſachen der Bewegung, die außerhalb der poſitiven Philoſophie liegen, auch nicht die Umſtände ihres Entſtehens, welche in der Phyſik zu betrachten ſind. Darnach wäre die Mechanik eine Wiſſenſchaft a priori, welche aus dem Begriffe der Bewegung zu conſtruieren iſt, wobei indeſſen die Erfahrung zu entſcheiden hat, in wieweit dieſe Conſtruktionen für die Naturvorgänge von Anwendbarkeit und Bedeutung ſeien. So hat der Begriff der Beſchleunigung eine hervorragende Bedeutung erlangt, da ſich mit dieſem Begriff die Beſchreibung der vorkommenden Bewegungen
¹) Vgl. Laas, Idealismus und Poſitivismus III, S. 2. ²) Bgl. Lange, Wundt, philoſ. Studien II B, 2, S. 286. ³) Kirchhoff, Vorleſ. über mathem. Phyſik, Vorrede.


