Aufsatz 
Festschrift zur Begrüssung der ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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In den metaphyſiſchen Anfangsgründen der Naturwiſſenſchaft hatte Kant ein Syſtem aller Sätze geben wollen, welche als notwen⸗ dige vor aller Erfahrung vorausgehende Urteile die principielle Grund⸗ lage der Naturwiſſenſchaft überhaupt und insbeſondere der Mechanik bilden ſollten. Dieſe Grundſätze, wie ſie in den Newton'ſchen Prin⸗ cipien aufgeſtellt waren, ſchienen die einfachſten und naheliegendſten Annahmen zu ſein, und infolge dieſer Einfachheit bildete ſich ſchon vor Kant die Meinung, dieſelben ſeien für denknotwendige Beſtim⸗ mungen zu halten.¹) Hierzu kam, daß es mit dieſen Grundſätzen nicht nur möglich geworden war, die auf der Erde vorkommenden Bewegungen zu erklären, ſie hatten ſich auch in der Erklärung der aſtronomiſchen Bewegungserſcheinungen als vollſtändig durchführbar bewährt, und dieſes letztere war in ſo einfacher Weiſe geleiſtet worden, daß damit ein empiriſcher Urſprung jener Sätze unverträglich zu ſein ſchien; denn für empiriſche Sätze wäre es doch wunderbar, daß die⸗ ſelben von ſo allgemeiner Durchführbarkeit ſein ſollten. Auch erſchien dieſe von Galilei und Newton begründete mechaniſche Weltauffaſſung ſo großartig, daß man ſie gegen jede Widerlegung, der empiriſche Sätze durch die folgende Erfahrung ſtets ausgeſetzt ſein können, ſichern zu müſſen glaubte. Sie wurden daher einfach als denknotwendig poſtuliert, ohne nach ihren Quellen a priori zu forſchen.2) Es lag hier ein Widerſpruch vor, einerſeits waren dieſe Grundſätze an der Erfahrung erkannt worden und hatten in den Thatſachen derſelben ihre Anwendbarkeit bewährt, andrerſeits hatte man und namentlich auch Kant das Bedürfnis, dieſelben für denknotwendige Beſtimmungen zu halten, und aus dieſem Widerſpruch entſtand für Kant die Auf⸗ gabe, zu zeigen, wie ſynthetiſche Urtheile a priori möglich ſeien, wo⸗

¹1) Leibniz, Neue Abhandlungen, Kirchm. S. 161. ) Kant, Metaph. Anfangsgründe, Einleitung.