Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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den Unterricht in den Naturwiſſenſchaften, die Landwirtſchaft, die Induſtrie betrafen, noch vieler Jahre lang den ſegensreichſten Einfluß in ſeinem neuen Wirkungskreiſe aus.

Wer die Summe der hier nur flüchtig geſchilderten Lebensarbeit des großen Forſchers und Lehrers überblickt, der begreift kaum, wie dem, der ſie vollbracht hat, noch Zeit und Kraft bleiben konnte, eine umfangreiche literariſche Tätigkeit auszuüben. Und doch haben nur wenige der auf dem Gebiete der experimentellen Wiſſenſchaften Arbeitenden eine ähnliche Anzahl großer Werke hinterlaſſen wie Liebig. Die von ihm gegründete chemiſche Zeitſchrift, in der er auch die Reſultate ſeiner eigenen Unterſuchungen in kleineren Abhand⸗ lungen(insgeſamt über 200) zu veröffentlichen pflegte, war, als er ſtarb, bei dem 168. Bande angelangt. Die ſie Fortſetzenden haben dankbar den NamenLiebig's Annalen beibehalten. Allbekannt ſind das von ihm ins Leben gerufene Handwörterbuch der Chemie ſowie ſeine Werke über Agrikultur und Tierchemie. Keines von ſeinen Werken aber hat eine ſo große Verbreitung gefunden, wie ſeine in vielen Auflagen erſchienenen Chemiſchen Briefe. Gleich gediegen durch Form und Inhalt, ſind dieſe Briefe ein bisher unübertroffenes Muſter von populärer und doch ſtreng wiſſenſchaftlicher Behand⸗ lung der Chemie, gleich wertvoll für den Laien wie für den Fachmann.Noch nie, ſo ſchreibt Wöhler an Liebig mit Bezug auf dieſes Werk,iſt der Welt klarer geſagt worden, was Chemie iſt, in welchem Zuſammenhang ſie mit den phyſiologiſchen Vorgängen in der lebenden Natur ſteht, in welchem Zuſammenhang mit Medizin, Landwirtſchaft, Induſtrie und Handel. Der klaſſiſchen Sprache, die alle Werke Liebig's auszeichnet, hat kein Geringerer als der Altmeiſter deutſcher Sprachforſchung, Jakob Grimm, ſeine volle Bewunderung ausgedrückt.

Wer die Erfolge des Lehrers hat rühmen hören, wer dem Fluge des Forſchers gefolgt iſt, wer ſich der Wohltaten erfreut, die der Reformator dem Menſchengeſchlechte zum Geſchenk gemacht hat, der trägt wohl auch Verlangen, den Mann in ſeinem Verkehre mit den Menſchen kennen zu lernen, um einen Einblick in ſeinen Charakter und in ſein Gemütsleben, zu erhalten. Selten iſt einer in dieſer Beziehung ungleicher beurteilt worden als Liebig. Es hat nicht an ſolchen gefehlt, die ihn der Überhebung, der Streitſucht, der Unduldſamkeit bezichtigt haben. Wohl lodert dieſer reine Geiſt bei jeder vermeintlichen Verletzung ſeines Rechts, bei jedem Winkelzug in edlem Zorne auf, und wehe dem Schuldigen! Hartes Wort und ſpitze Feder ſind dann ſchnell zur Hand.

Aber alle dieſe Fehden haben in dem ſcharf ausgeprägten Rechtsgefühl, in der unbe⸗ grenzten Wahrheitsliebe des Mannes ihren Urſprung. War doch auch keiner durch ſtichhaltige Gründe von der Unrichtigkeit ſeiner Anſicht leichter zu überzeugen und, einmal überzeugt, mehr geneigt, ſie aufzugeben und die Hand zur Verſöhnung zu reichenman ſoll einen Irrtum nicht über Nacht im Hauſe behalten, pflegte er zu ſagen. Charakteriſtiſch in dieſer Beziehung iſt, daß ein Freundſchaftsbund, wie er inniger nicht gedacht werden kann, und der in mancher Beziehung an das Verhältnis zwiſchen Goethe und Schiller gemahnt, ſeinen Urſprung aus einem wiſſenſchaftlichen Streite nahm, in dem er ſelbſt den kürzeren gezogen hatte.

Gelegentlich einer Erörterung, die an die bereits erwähnte berühmte Arbeit über das Knallqueckſilber anknüpfte, hatten ſich Liebig und Wöhler ſchon auf der Schwelle ihrer Laufbahn als wiſſenſchaftliche Gegner bekämpft; allein dieſes Zuſammentreffen auf demſelben Arbeitsgebiete und der aus der Verſchiedenheit ihrer Beobachtungen ſich entſpinnende wiſſen⸗ ſchaftliche Streit, weit entfernt, Verſtimmung hervorzurufen oder gar Zwietracht zu ſäen wie ſie bei ſolcher Gelegenheit in minder hochherzigen Gemütern nur zu leicht erwacht gab im Gegenteil Veranlaſſung zu einem Freundſchaftsbunde, wie ihn fruchtbringender die Geſchichte der Wiſſenſchaft kaum zu verzeichnen hat. Daß Liebig auch noch mit vielen anderen ſeiner