Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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Zeitgenoſſen in freundſchaftlichem Verkehre ſtand, braucht kaum geſagt zu werden. Seiner Freundſchaft mit Auguſt Platen wurde bereits gedacht, auch der Beziehungen, die ihn mit Gay⸗Luſſac und Alexander von Humboldt verknüpften; hier mögen aus der Zahl ſeiner intimeren Freunde nur die Namen Heinrich Buff, Hermann Kopp, Chriſtian Friedrich Schönbein, Heinrich Roſe, Friedrich Mohr, Max von Pettenkofer herausgegriffen werden. Daß ſich das intim gewordene freundſchaftliche Ver⸗ hältnis zu dem von ihm zeitlebens hochverehrten und bewunderten Berzelius ſpäter trübte, iſt nicht Liebig's Schuld. Dafür geſtaltete ſich das Verhältnis zu ſeinem alten Gegner Dumas, dem berühmten franzöſiſchen Chemiker, mit dem er auf dem Gebiete der organiſchen und Agrikultur⸗Chemie in jungen Jahren ſo manchen Strauß ausgefochten hatte, ſpäter zu einem ſehr herzlichen.

Das edle Gemüt Liebig's, das ſich einzelnen Bevorzugten gegenüber in der ſelbſt⸗ loſen Hingabe treuer Freundſchaft offenbarte, gelangte im Verkehr mit der Welt als opferwillige Nächſtenliebe zum Ausdruck. Wievielen Trauernden er ein Tröſter geweſen iſt, wieviele Ver⸗ zagende er ermutigte, wievielen Notleidenden er Hülfe gebracht, die Welt hat nichts davon erfahren, allein die Erinnerung daran war mit unvertilgbaren Lettern in dankbare Herzen eingegraben.

Liebig, obſchon ein Mann der ernſten Wiſſenſchaft, der Empirie und des Experi⸗ ments, huldigte in ſeiner Welt- und Lebensanſchauung keineswegs dem Materialismus, wie dies manche Gegner ihm andichten wollten, er gehörte vielmehr zu den Idealiſten im beſten Sinne des Wortes, und den Glauben an Gott und Unſterblichkeit teilte er mit ſeinem Freunde und Gönner Alex. von Humboldt. Furcht vor dem Tode kannte Liebig allerdings nicht, wie aus ſeinem folgenden Bekenntnis hervorgeht:Religiöſe Be⸗ dürfniſſe, ſoweit ſie ſich nur auf die Furcht beziehen, was nach dem Tode aus uns wird, habe ich nicht, dies iſt wohl der Hauptgewinn, den meine Beſchäftigung mit der Natur und ihren Geſetzen mir gewährt hat. Ich finde alles ſo unendlich weiſe geordnet, daß gerade die Frage, was mit dem Abſchluß des Lebens mit mir wird, mich am allerwenigſten beſchäftigt. Was aus mir wird, iſt ſicherlich das Beſte, darüber bin ich ganz vollſtändig beruhigt.

Juſtus Liebig war ein echter Deutſcher, ein glühender Vaterlandsfreund, der, obwohl Süddeutſcher, den Beruf Preußens, Deutſchland unter ſeiner Führung zu einen, frühzeitig erkannt hatte, und der als reifer Mann die innigſte Freude empfand, als der Traum ſeiner Jugend, die Wiederaufrichtung des deutſchen Kaiſertums, ſo glänzend durch Wilhelm l. und ſeinen großen Kanzler in Erfüllung ging.Ich bin jetzt froh, ſo ſchreibt der von ſchwerer Krankheit ſoeben erſt Geneſene unterm 29. November 1870 an ſeinen Freund Reuning,dieſes Jahr erlebt zu haben, denn alles, was wir Schönes und Großes von der deutſchen Nation in unſerer Jugend geträumt haben, ſehen wir in der Blüte ſtehen und hoffentlich auch die Reife noch.

Liebig hat in ſeinem Leben viele Auszeichnungen und Ehrungen erfahren. Sein Landesherr, der Großherzog Ludwig ll. von Heſſen, erhob ihn 1845 in den erblichen Freiherrnſtand, die Mächtigen dieſer Erde überboten ſich in der Verleihung hoher Orden, faſt alle bedeutenderen wiſſenſchaftlichen Vereine und Akademieen ernannten ihn zu ihrem Mitgliede oder Ehrenmitglied, die königl. bayeriſche Akademie der Wiſſenſchaften zu München wählte ihn zu ihrem Präſidenten, aber Liebig hat ſich ſeines Herzens Beſcheidenheit und ſeiner Sitten Einfachheit Zeit ſeines Lebens bewahrt. Der traute häusliche Kreis, in dem Frau Jettchen(ſeine Gattin Henriette, geb. Moldenhauer) als ſorgende Hausfrau und treue