Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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Geſamtverbrauch an geſchlachteten Rindern beläuft ſich jährlich auf ungefähr 200,000 Stück. Von der Großartigkeit der Einrichtungen dieſesmodernen Fürſtentums Bouillon erhält man einen Begriff, wenn man ſich das Fleiſch von über 1000 Rindern in Behältern ſiedend denkt, die 6000 bis 7000 Liter ſtarker Brühe faſſen! Dieſegrößten Kochtöpfe der Welt kündigen ſich ſchon von weitem dem Beſucher durch ein liebliches Bouillon⸗Aroma an.

Liebig's Fleiſchextrakt wird ſtets wenn man ihn auch nicht zu den Nahrungsmitteln im ſtrengſten Sinne des Wortes zählen darf, und wenn er auch keinen vollen Erſatz für friſches Fleiſch bietet, da er ja frei von Eiweiß, Fett und Leim ſein muß, um ihm die Haltbarkeit zu ſichern durch ſeinen Gehalt an Kali, Phosphorſäure und Fleiſchbaſen ein wertvolles Genußmittel zur Belebung des Appetites und zur Hebung des körper⸗ lichen Wohlbefindens bleiben. Der berühmte Afrikareiſende Dr. Schweinfurth traf das Richtige, als er Liebig in einem Briefe ſchilderte, welche Wohltat für ihn der Fleiſchextrakt geweſen ſei, Leute, die täglich Fleiſch genöſſen, wären nicht in der Lage, die nützliche Wirkung des Extraktes zu beurteilen. Wenn man aber auf eine rein pflanzliche Nahrung beſchränkt ſei, dann ſpüre man, was der Extrakt wert ſei. Die vegetabiliſche Nahrung bringe den Menſchen bis zur Kraftloſigkeit herunter, und eine Doſis Fleiſchextrakt hebe dann in wunderbarer Weiſe die Energie des Körpers. Er ſelbſt habe ſpäter, als ihm der Fray⸗Bentos⸗Extrakt ausge⸗ gangen ſei, Fleiſchextrakt aus Antilopenfleiſch gemacht.

In ähnlichem Sinne äußerte ſich Dr. Gerhard Rohlfs, weithin durch ſeine Reiſen in Marokko bekannt, in einem Briefe an Baron von Liebig:Was den Fleiſchextrakt betrifft, ſo iſt er namentlich für uns Afrikareiſende eine der größten Wohltaten geweſen. Auf meiner Reiſe durch die große Wüſte von Tripolis nach dem Tſchad⸗See war er meine tägliche Nahrung. Ohne ſonſtiges Fleiſch nahm ich ihn des Morgens auf Biskuit geſchmiert, und das ſchmeckte nicht nur vortrefflich, ſondern erſetzte mir auch vollkommen die Fleiſchkoſt. Abends ſtellte ich Bouillon her und miſchte eine gute Portion unter Reis, Linſen oder Kuskuſſu, oder was wir ſonſt an Vegetabilien hatten. Ich habe mich übrigens ſo an den Fleiſchextrakt gewöhnt, daß ich ihn noch jetzt immer im Hauſe haben muß.

Die Errichtung der Liebig's Fleiſchextrakt⸗Kompagnie und Liebig's endliche günſtige Erfolge auf landwirtſchaftlichem Gebiete fallen in eine Zeit, wo er nicht mehr an der Hoch⸗ ſchule in Gießen wirkte. Die Unterſuchungen über die Ernährung der Pflanzen und Tiere und über die Geſetze des Feldbaues hatten Liebig's Intereſſe und Tätigkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß er, zumal bei ſeiner geſchwächten Geſundheit, mehr und mehr die Verpflichtung, die er in Gießen mit übernommen hatte, von morgens bis abends den Unterricht ſeiner chemiſchen Schüler im Laboratorium zu leiten, als drückende Laſt empfand und immer ſehnlicher den Wunſch hegte, dieſer Pflicht überhoben zu ſein, um ſeine ganze Kraft ſeiner Lebensaufgabe widmen zu können. Dazu bot ſich eine Gelegenheit, als König Max ll. von Bayern Liebig durch deſſen ehemaligen Schüler Profeſſor Max von Petten⸗ kofer auffordern ließ, eine chemiſche Profeſſur an der Univerſität München zu übernehmen. Liebig hatte früher ehrenvolle Berufungen nach St. Petersburg, Wien und Heidelberg abgelehnt. Auch jetzt trennte er ſich nur zögernd und ſchweren Herzens von der Stätte, wo er faſt 30 Jahre lang ſo ruhmvoll und ſegensreich gewirkt hatte. Im Herbſte des Jahres 1852 ſiedelte er nach München über. Hier in München fand er, von der Laſt eines großen Unterrichtslaboratoriums befreit, Zeit, ſeine Unterſuchungen zu Ende zu führen und in klaſſiſchen Werken zu verarbeiten. Daneben las er ſein Kolleg über Chemie und übte als Präſident der bayriſchen Akademie der Wiſſenſchaften und Berater des Miniſteriums in allen Fragen, die