Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

Tiere mit Vegetabilien, in ſeiner Tierphyſiologie die Verſorgung mit den tieriſchen Produkten und die Ernährung in geſunden und kranken Tagen auf eine ſichere Grundlage geſtellt. Damit hat er ſich in ſozialer Beziehung zum größten Wohltäter der Menſchheit gemacht, den es jemals gegeben.

Liebig ſetzte zu ſeinen tierphyſiologiſchen Unterſuchungen ganz außerordentliche Mittel in Bewegung. Er analyſiert die Milch, das Brot, die Hefe, das Fleiſch, die Fleiſch⸗ brühe und unterzieht beſonders die Hauptbeſtandteile des letztgenannten Genußmittels, die ſog. Fleiſchbaſen: Kreatin, Kreatinin, Sarkin, Xanthin, Karnin einer genauen Un⸗ terſuchung.

Freund Wöhler freut ſich über dieſe ſchönen Unterſuchungen und ſchreibt bewundernd: Ich ſehe im Geiſte die übelriechenden Operationen, die Du jetzt in Deinem Laboratorium vornehmen, und rieche die Pferdefleiſchſuppen, die Du kochen läßt. Eine koloſſale Idee, einen ganzen Gaul auf Kreatin zu verarbeiten. Ich gratuliere zu der neuen Frau Baſe. Im Verlaufe dieſer langjährigen wiſſenſchaftlichen Arbeiten und insbeſondere bei der ergebnisreichen Unterſuchung über das Fleiſch und über die Zuſammenſetzung der Muskelſubſtanz ſind vom Tiſche des Gelehrten auch Broſamen für die Mitmenſchen und zu Gunſten des allgemeinen Wohls abgefallen, durch die der Name Liebig's in allen Schichten der Bevölkerung bekannt und berühmt geworden iſt. Wievielen Müttern, die ihre Kinder nicht ſelbſt nähren können, ſind dieſe durch Darreichung des Liebig'ſchen Erſatzes der Muttermilch(der ſog. Säug⸗ lingsſuppe) am Leben erhalten worden, wieviele Kranke danken Liebig ihre Rekonvaleszenz durch den Genuß der nach ihm genannten Fleiſchbrühe, und wie ſind wir alle, Geſunde und Kranke, wie iſt der Seefahrer, der Reiſende in der Wüſte, der Soldat im Biwak und auf dem Marſch Liebig zu Dank verpflichtet für den Fleiſchextrakt, dieſes uns geradezu unentbehrlich gewordene Genuß⸗ und Belebungsmittel! Zu damaliger Zeit wurden in Süd⸗ Amerika, namentlich im Staate Uruguay, Hunderttauſende von auf den dortigen Gras⸗ ſteppen oder Pampas weidenden, ungeheure Herden bildenden Rindern geſchlachtet, nur um deren Häute, allenfalls noch Knochen, Hörner und Talg in den Handel zu bringen, während das uns koſtbare Fleiſch als wertlos fortgeworfen wurde. Es war eine alte Lieblingsidee von Liebig, die er auch des öfteren in ſeinen Schriften zum Ausdruck gebracht hatte, es möge ſich jemand finden, der es unternähme, das billige und unerſchöpfliche Fleiſchmaterial jener Gegenden durch Auskochen mit Waſſer und Eindampfen auf Fleiſchextrakt zu verarbeiten. Liebig erlebte es, daß dieſer Herzenswunſch in einer über die Erwartung hinaus günſtigen Weiſe in Erfüllung ging. Den Bemühungen des Ingenieurs Giebert, der im Jahre 1862 aus Braſilien nach München kam und mit Liebig über den Gegenſtand verhandelte, glückte es, in Antwerpen mit Joſeph Bennert und anderen Kapitaliſten eine Geſellſchaft zu gründen, die bald ihren Sitz nach London verlegte und den NamenLiebig's Extract of Meat Company Limited(Liebig's Fleiſchextrakt⸗Geſellſchaft mit beſchränkter Haftpflicht) annahm. Die Geſellſchaft, die unter der kaufmänniſchen Leitung von Joſeph Bennert in Antwerpen ſtand, errichtete in Fray⸗Bentos im Staate Uruguay unter der umſichtigen und energiſchen Führung Giebert's ihre großartigen Etabliſſements, und ſchon 1864 konnte der erſte Fleiſchextrakt aus Uruguay nach München geſandt werden. Liebig erzählt, er habe in ſeinem Leben viele freudenreiche Zeiten und Stunden gehabt, aber er habe ſelten eine größere Freude und Befriedigung empfunden, als an dem Tage, wo die erſte Büchſe mit Fleiſchextrakt aus Fray⸗Bentos ihm eingehändigt worden ſei. Der Extrakt der Liebig⸗Kompagnie übertrifft an Güte noch heute alle Nachahmungen. Die Fabrik in Fray⸗ Bentos, das größte derartige Etabliſſement der Welt, beſchäftigt über 5000 Menſchen; der