Das chlorſaure Kali, bekannt als wirkſames Gurgelmittel bei Halsentzündungen und viel verwendet als ein Hauptbeſtandteil des ſogenannten bengaliſchen Feuers, es wird heutzutage fabrikmäßig hergeſtellt nach einem von Liebig entdeckten billigen Verfahren.
Durch ſeine Unterſuchungen über das Blutlaugenſalz und das Cyankalium hat Liebig mächtig fördernd in die Entwicklung eines Kunſtgewerbes eingegriffen, dem der moderne Menſch eine große Menge teils nützlicher, teils zur Verſchönerung unſeres Heims dienender Gegenſtände verdankt, wir meinen die Kunſt, unedle Metalle mit einem Ueberzug von edleren Metallen zu verſehen, die galvaniſche Vernickelung, Verſilberung, Vergoldung.
Als Kurioſum mag endlich noch erwähnt werden, wie der vielbeſchäftigte Forſcher einmal um den Preis der Entdeckung eines wichtigen Elementes gekommen iſt. Liebig, der manche Unterſuchungen wegen Ueberhäufung mit wichtigeren Arbeiten auf ſpätere Zeiten zurück⸗ zuſtellen pflegte, konnte ſich, als er Balard's Abhandlung über das neue Element, das Brom, zu Geſicht bekam, alsbald eine große Flaſche Brom aus ſeinem Schranke holen, in dem es, von der Unterſuchung der Kreuznacher Sole herrührend, mit der Aufſchrift„Chlorjod“ ſchon ſeit geraumer Zeit aufbewahrt wurde.
Aber alle dieſe im vorhergehenden aufgezählten Entdeckungen und Forſchungen Liebig's werden weit in den Schatten geſtellt durch ſeine Unterſuchungen auf landwirtſchaftlichem und tierphyſiologiſchem Gebiete, durch die er ein wahrer Reformator des Acker⸗ baus und der Ernährungslehre geworden iſt. Fünfzehn Jahre lang war Liebig als Lehrer und Leiter des Gießener Laboratoriums faſt ausſchließlich für die allgemeine Chemie, insbeſondere für die theoretiſche organiſche Chemie tätig geweſen. Mit dem Jahre 1840 begann ein neuer epochemachender Abſchnitt in ſeinem wiſſenſchaftlichen Leben. Sein Intereſſe für rein theoretiſche Fragen verlor ſich mehr und mehr, und ſein Augenmerk wandte ſich faſt aus⸗ ſchließlich einem Teil der angewandten Chemie zu, nämlich der Frage nach der Ernährung des Pflanzen⸗ und Tierkörpers. Hatte Liebig in ſeinen früheren Arbeiten bereits den Nachweis erbracht, daß zwiſchen organiſchen(d. h. aus dem Pflanzen⸗ und Tierreich ſtammenden) und anorganiſchen(d. h. dem Mineralreich angehörenden) Stoffen kein weſent⸗ licher Unterſchied in chemiſcher Beziehung beſtehe, und daß auch die Lebenskraft, unter deren Einfluß, wie man annahm, die organiſchen Stoffe im Pflanzen⸗ und Tierkörper ſich bildeten, bei dieſen ihren Bildungen den chemiſchen Geſetzen unterworfen ſei, ſo lag für ihn, der ſich mehr wie jeder andere Chemiker mit den Stoffen der organiſchen Natur abgegeben hatte, das Bedürfnis nahe, ſchließlich dieſe Stoffe auch im Zuſammenhange mit ihren Werk⸗ ſtätten zu betrachten, in denen ſie erzeugt werden, und zu ſehen, welche Rollen ſie im Haus⸗ halte der Natur ſpielen.
Liebig eröffnete dieſe neue Richtung ſeiner Tätigkeit mit dem im Jahre 1840 er⸗ ſchienenen, bereits erwähnten Werke:„Die organiſche Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Phyſiologie“, das ſo ungemeines Aufſehen erregte, daß binnen ſechs Jahren ſechs Auflagen davon gedruckt wurden. Es klingt wunderbar, dem Laien beinahe unglaublich, daß, nachdem Jahrtauſende hindurch Ackerbau getrieben worden iſt, und man geglaubt hat, die Landwirtſchaft an der Hand tauſendjähriger Erfahrungen rationell zu be⸗ treiben, ein deutſcher Chemiker, der nie Landwirt geweſen, nie den Pflug geführt, nie einen Acker bearbeitet hat, von ſeinem Schreibtiſche aus diktiert, wie der Landwirt ſein Land be⸗ handeln muß, um ihm dauernd die größte Ertragsfähigkeit zu geben, und daß mit Liebig's Lehren von der Kultur des Bodens und den Naturgeſetzen des Feldbaus erſt eine wirklich rationelle Landwirtſchaft beginnt. Das Tier verkümmert und geht zu Grunde, wenn die dar⸗


