Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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mit ſeinem Freunde Wöhler im Jahre 1832 ausgeführte Unterſuchung über die Beziehungen zwiſchen dem Bittermandelöl und der Benzoéſäure. Im Verlaufe dieſer Unterſuchung gelangte Liebig zu dem hochbedeutſamen Reſultat, daß im Bittermandelöl und in der Benzoé⸗ ſäure eine gemeinſame, aus drei Grundſtoffen beſtehende Gruppe oder Verbindung enthalten ſei, die die Rolle eines Elementes oder Grundſtoffes ſpielt. Dieſen chemiſchen Beſtandteil des Bittermandelöls und der Benzoéſäure, der ſich mit anderen Stoffen wie ein Element vereinigen kann und faſt in allen ſeinen Vereinigungsverhältniſſen mit andren Körpern ſeine Natur und ſeine Zuſammenſetzung nicht ändert, nannte LiebigBenzoyl. Das iſt die klaſſiſche Unter⸗ ſuchung Liebig's über die Benzoylverbindungen, eine Unterſuchung, die unter den zeitgenöſſiſchen Chemikern einen wahren Aufruhr erregt. Beſonders die Pariſer ſind über dieſe Abhandlung rein toll, und der franzöſiſche Chemiker Pelouze ſchreibt an Liebig:On ne parle plus à Paris dans le monde chimique que de vos expériences. Venez donc avec M. Wöhler, venez y recevoir le tribut d'hommages, qui vous est.(Man ſpricht in der Pariſer chemiſchen Welt von nichts andrem als von Ihren Experimenten. Kommen Sie doch mit Herrn Wöhler, kommen Sie hierher, um die Ihnen gebührenden Huldigungen ent⸗ gegenzunehmen.). Der nordiſche Meiſter der chemiſchen Forſchung aber, Berzelius, der ſich ſonſt nicht ſo leicht aus ſeiner ruhigen Gemütsverfaſſung herausbringen läßt, ſchreibt an Liebig einen begeiſterten Brief, worin er ihm den Vorſchlag macht, man möge dem Radikal, das Liebig und Wöhler Benzoyl genannt haben, den NamenOrthrin geben(von dem griechiſchen Worte Orthros, die Morgendämmerung), um damit anzudeuten, daß jene Entdeckung einen neuen Abſchnitt in der Geſchichte der organiſchen Chemie eröffne, gleichwie die Morgendämmerung dem jungen Tage vorausgeht. Der ſonſt ſo nüchterne Berzelius iſt alſo hier geradezu poetiſch geworden. 1

Von weiteren, hierher gehörenden Arbeiten Liebig's ſeien nur noch erwähnt die ebenfalls gemeinſam mit ſeinem Freunde Friedrich Wöhler ausgeführten Unterſuchungen über das Amygdalin einen in den bitteren Mandeln enthaltenen Stoff, der durch die Einwirkung eines gleichfalls in dieſen Samen enthaltenen Fermentes(Gärungserregers), des Emulſins, bei Gegenwart von Waſſer in drei Beſtandteile: Traubenzucker, Blauſäure und Bittermandelöl ſich ſpaltet und über die Harnſäure(den chemiſchen Proteus) und ihre Abkömmlinge, Unterſuchungen, die in gleicher Weiſe für die organiſche Chemie wie für die Phyſiologie(die Lehre von den Vorgängen im lebenden Tier⸗ und Pflanzenkörper) von grundlegender Bedeutung geworden ſind. Hier ſoll nur etwas länger bei den Arbeiten verweilt werden, deren Ergebniſſe nicht nur der Wiſſenſchaft, ſondern auch den Aufgaben des Lebens zu gute gekommen ſind. Der bewundernswerten Unterſuchung über die exploſiven Metallverbindungen, das Knallſilber und das Knallqueckſilber, mit der der Jüngling ſeine Forſcherlaufbahn eröffnete, iſt ſchon gedacht worden. Von dieſen beiden exploſiven Ver⸗ bindungen iſt die zweite von einer hervorragenden Bedeutung für das Kriegsweſen geworden: das Knallqueckſilber, deſſen Zuſammenſetzung und rationelle Herſtellung uns Liebig lehrte, wird noch heutigentags zum Füllen der Zündhütchen und Zündſpiegel benutzt. In der Form von Knallbonbons aber erregt es den Jubel unſrer lieben Jugend und den grimmen Zorn der an der fröhlichen Schar vorüberwandelnden und durch den unvermuteten Knall erſchreckten Erwachſenen.

Hat Liebig mit dem Knallqueckſilber der Menſchheit ein Geſchenk gemacht, das mit⸗ hilft, Menſchenleben zu vernichten und Wunden zu ſchlagen, ſo hat er ihr dafür in dem von ihm entdeckten Chloroform und dem Chloralhudrat ein Mittel an die Hand gegeben, um Schmerzen zu lindern und die Schrecken des Krieges zu mildern.