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Das erſte notwendige Erfordernis hierzu war die genaue Kenntnis der elementaren Zuſammen⸗ ſetzung dieſer Verbindungen. Man beſaß, dank der Arbeiten früherer hervorragender Chemiker, namentlich des großen nordiſchen Meiſters Berzelius, längſt gut ausgebildete, leicht aus⸗ zuführende und zuverläſſige Methoden, um die Mineralkörper zu analyſieren und aus den Analyſen ihre Zuſammenſetzung zu berechnen; um eine organiſche Verbindung, etwa Zucker, quantitativ zu analyſieren, waren zwar auch Methoden erdacht und in Anwendung gebracht (und zwar ſchon von dem großen Lavoiſier), aber ſie waren ſehr ſchwierig auszuführen und erforderten ſo große Umſicht, Uebung und Zeit, daß nur wenige der geſchickteſten Chemiker in Frankreich ſich dieſer ſchweren Aufgabe unterziehen mochten. Liebig ſah ein, daß, ſolange für jenen Zweck nicht beſſere, einfachere Methoden gefunden wurden, es unmöglich ſei, auf dieſem Gebiete nennenswerte Fortſchritte zu machen; er ſtellte ſich daher die Aufgabe, eine Methode zu erſinnen, die es ermöglichte, die elementare quantitative Zuſammenſetzung der organiſchen Verbindungen womöglich ebenſo raſch zu ermitteln, wie man die der anorganiſchen oder Mineralkörper zu beſtimmen wußte. Dieſe ſchwierige Aufgabe ſtellt ſein ſchöpferiſches Genie in das hellſte Licht.
Es gelang ihm bald, natürlich nicht mit einem Schlage und nach manchen miß⸗ lungenen Verſuchen, die Wiſſenſchaft mit einer ganz neuen Methode der organiſchen Elementaranalyſe zu bereichern und dieſe ſo zu vervollkommnen und zugleich zu vereinfachen, daß auch die Hand des ungeübten Chemikers gute Reſultate damit erzielt. Das iſt dieſelbe Methode, die wir faſt genau ſo, wie Liebig vor 80 Jahren es lehrte, noch heute anwenden, und die bei außerordentlicher Genauigkeit der Reſultate ganz beſonders noch den Vorzug beſitzt, daß die Ausführung kaum ſoviel Stunden erfordert, als das frühere umſtändliche Verfahren Tage in Anſpruch nahm.
Liebig's Fünfkugelapparat, dieſes kleine Ding von Glas, mit etwas Kalilauge gefüllt, in dem der Kohlenſtoff der organiſchen Subſtanzen als Kohlenſäure abſorbiert und ge⸗ wogen wird, hat zur Erkennung der Zuſammenſetzung der organiſchen Körper ſoviel beigetragen, als gute Fernrohre zur Erſchließung des geſtirnten Himmels oder gute Mikroſkope zur Erfor⸗ ſchung der kleinſten Teile auf unſerer Erde. Der Fünfkugelapparat iſt zum Wahr⸗ und Kenn⸗ zeichen der Gießener Schule geworden, die Studenten trugen ihn im verkleinerten Maßſtabe als Emblem auf Bauſennadeln und Knöpfen, und auf Liebig's lithographierten Bildniſſen figurierte er als Fakſimile.
Die Vereinfachung der Elementaranalyſe hat für die Entwicklung der organiſchen Chemie keine geringere Bedeutung gehabt, als neue Verkehrsſtraßen oder Verkehrsmittel für Handel und Induſtrie. Es war damit der erſte wichtige Schritt getan zur Erforſchung und Erobe⸗ rung dieſes damals ſo gut wie noch ganz unbekannten Gebietes. Mit dieſer neuen Methode der Analyſe hatte ſich Liebig ein gewaltiges Rüſtzeug geſchmiedet, das ihn in den Stand ſetzte, die Zuſammenſetzung einer außerordentlich großen Zahl organiſcher Verbindungen feſtzuſtellen, die bis dahin nur ihren äußeren Eigenſchaften nach bekannt waren, wie auch ſolcher, die er ſelbſt erſt entdeckte. Mit bewunderswertem Fleiße hat auf dieſe Weiſe Liebig mit ſeinen Schülern jahrelang das Material geſammelt, das ſeinen folgenden wiſſenſchaftlichen Unterſu⸗ chungen zur Grundlage diente.
„Den fleißigſten aller Chemiker“, ſo nennt ihn im Jahre 1830 der berühmte Wöhler, ſein Freund und Fachgenoſſe. Und in der Tat, es wäre eine Rieſenaufgabe, wollten wir alle von Liebig ausgeführten chemiſchen Unterſuchungen, alle von ihm gefundenen neuen Reſultate ſchildern. Nur wenige können hier berührt werden. Eine der herrlichſten und ſchönſten Unterſuchungen Liebig's auf dem Gebiete der theoretiſchen Chemie iſt ſeine, gemeinſam


