Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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und Wirken Liebig's hat ſich bei den Induſtriellen, überhaupt den Gewerbetreibenden, ſogar bei den im Fortſchritt immer etwas langſamen Landwirten mehr und mehr die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß ihre Aufgaben ſich meiſt auf chemiſcher Grundlage bewegen, daß die rein erfahrungsgemäße Behandlung nicht ausreicht, daß die altherkömmliche Bewirtſchaftung mit dem wiſſenſchaftlich geführten Betriebe nicht in erfolgreichen Wettbewerb treten kann.

Das kleine, unanſehnliche Laboratorium zu Gießen wurde durch Liebig's Genie zu einer Pflanzſchule chemiſcher Wiſſenſchaft, deren Ruf weit über die Grenzen Deutſch⸗ lands und Europas ſich verbreitete, und der ſo zahlreiche Jünger der Chemie zuſtrömten, daß. das Laboratorium ſie bald nicht mehr alle zu faſſen vermochte. Die hervorragenden wiſſen⸗ ſchaftlichen Leiſtungen, die herrlichen Entdeckungen, die Schlag auf Schlag einander folgten, waren es nicht allein, was Liebig von nah und fern chemiſche Schüler zuführte, es war noch mehr ſeine Unterrichtsmethode und der Zauber ſeiner Perſönlichkeit, wodurch er auf den Bildungsgang der ſeiner Obhut anvertrauten jungen Leute anregend und mächtig fördernd einwirkte. Feind des mechaniſchen Unterrichtens nach der Schablone und Gegner des bloßen Wiſſens, dem das Verſtehen und das Können nicht zur Seite ſtehen, hat Liebig es meiſterhaft verſtanden, ſeine Schüler jeglicher Qualität zum Denken anzuregen, und ſie gelehrt, das Gelernte zu begreifen und anzuwenden. In außerordentlichem Maße wiſſenſchaftlich produktiv und reich. an chemiſchen Gedanken, teilte er dieſe ſeinen reiferen Schülern mit, veranlaßte ſie, ſeine Ideen experimentell zu prüfen, und regte ſo allmählich zu eigenen Gedanken an, zeigte ihnen den Weg und lehrte ſie die Methoden, wie chemiſche Fragen und Probleme an der Hand des Experiments zu löſen ſind. Dazu kam, daß er in ſeltenem Maße die Gabe beſaß, den Schüler an der einmal gewählten Aufgabe feſtzuhalten, indem er ihn, wenn er bei ſeinen Verſuchen nicht gleich das gewünſchte Reſultat erzielte und anfing, den Mut und die Luſt zur weiteren Verfolgung des Gegenſtandes zu verlieren, zur Fortſetzung anfeuerte und ihn zu überreden wußte, daß er mißlungene Verſuche in veränderter Form wieder aufnahm. Wie mancher hat hierdurch ſchließlich die ſchönſten Erfolge erzielt, die ohne jene Beharrlichkeit verloren gegangen ſein würden, und die dem Lehrer und dem Schüler deſto mehr Freude bereiteten, mit je mehr Kampf und Mühe ſie errungen waren. So iſt damals das Gießener Laboratorium eine fruchtbare Pflanzſchule für Chemie geworden, aus der eine ſtattliche Reihe von bedeutenden Chemikern hervorging, die nachmals die Lehrſtühle der Chemie an deutſchen Hochſchulen zierten, ich brauche nur an die Namen Kopp, Will, Fehling, Freſenius, Pettenkofer, Erlen⸗ meyer, Volhard, Strecker, Hofmann, Kekulé zu erinnern. So groß war Liebig's Anſehn als Lehrer, daß ſogar in Amt und Würden ſtehende Univerſitätsprofeſſoren, wie der berühmte engliſche Chemiker Graham, es nicht verſchmähten, wenigſtens einige Monate lang nach Gießen zu gehen, um mit Liebig's Unterſuchungsmethoden und der Art ſeines Unter⸗ richts ſich vertraut zu machen.

Doch wir müſſen uns jetzt der andecen Seite von Liebig's Tätigkeit zuwenden, ſeinen Forſchungen. Um Liebig's Verdienſte als Forſcher im ganzen großen Umfange zu begreifen und richtig zu würdigen, muß man Chemiker, Phyſiolog und zugleich Landwirt ſein. Auf allen dieſen Gebieten war er mehr als produktiv, er war Reformator. Wir müſſen uns hier auf den Verſuch beſchränken, von dieſer bewundernswerten Tätigkeit nur in all⸗ gemeinen Zügen ein Bild zu entwerfen. Als der einundzwanzigjährige junge Liebig die Profeſſur in Gießen antrat, machte er es ſich zur Aufgabe, das damals faſt noch ganz brach liegende Feld der organiſchen Chemie, der Chemie der aus dem Tier⸗ und Pflanzen⸗ reich ſtammenden Verbindungen, zu durchforſchen und den wiſſenſchaftlichen Zuſammenhang zwiſchen den chemiſchen Verbindungen der organiſchen und der anorganiſchen Natur aufzufinden.