— 9.—
Analyſe, ſowie es im Jahre 1823 ausſah, ſchildert.„Als Berzelius mich in ſein Laboratorium führte“, erzählt Wöhler,„war ich wie in einem Traume, wie zweifelnd, ob es Wirklichkeit ſei, daß ich mich in dieſen klaſſiſchen Räumen befinde. Neben dem Wohnzimmer gelegen, be⸗ ſtand es aus zwei gewöhnlichen Stuben mit der einfachſten Einrichtung; man ſah darin weder Oefen, noch Dampfabzüge, weder Waſſer⸗ noch Gasleitung. In der einen Stube ſtanden zwei gewöhnliche Arbeitstiſche von Tannenholz; an dem einen hatte Berzelius ſeinen Arbeitsplatz, an dem andern ich den meinigen. An den Wänden waren einige Schränke mit den Reagentien aufgeſtellt, die nicht in allzureicher Auswahl vorhanden waren, denn als ich zu meinen Ver⸗ ſuchen Blutlaugenſalz bedurfte, mußte ich es mir von Lübeck erſt kommen laſſen. In der Mitte der Stube ſtanden die Queckſilberwanne und der Glasblaſetiſch, letzterer unter einem in den Stubenofen⸗Schornſtein mündenden Rauchfang von Wachstaffet. Die Spülanſtalt be⸗ ſtand aus einem Waſſerbehälter von Steinzeug mit Hahn und einem darunter ſtehenden Topfe. In dem andern Zimmer befanden ſich die Wagen und andere Inſtrumente, nebenan noch eine kleine Werkſtatt mit Drehbank. In der Küche, in der die alte geſtrenge Anna, Köchin und Faktotum des nordiſchen Meiſters, der damals noch Junggeſelle war, das Eſſen bereitete, ſtanden ein kleiner Glühofen und das fortwährend geheizte Sandbad.“ Das waren die Privaträume, in denen der große Berzelius ſeine klaſſiſchen Unterſuchungen ausgeführt hat. Ein Unter⸗ richtslaboratorium beſaß er überhaupt nicht. Wie war es nun mit Liebig's Laboratorium beſtellt, als er ſeine Stelle in Gießen antrat? Von der Regierung waren dem jungen Profeſſor ſtatt eines Laboratoriums vier leere Wände gegeben, nichts dazu, um es einzurichten und mit den notwendigſten Apparaten auszuſtatten. Liebig mußte die dazu erforderlichen erheblichen Summen aus eigenen Mitteln beſtreiten, und das bei einem Jahresgehalt von 800 Gulden. Das ganze Inventar ſeines Laboratoriums war ſein Eigentnm. Erſt 10 Jahre nach dem An⸗ tritt ſeiner Profeſſur, nachdem er durch ſeine Lehrtätigkeit und ſeine Entdeckungen bereits europäiſchen Ruf erlangt hatte, drückte es Liebig bei der Regierung durch, daß ihm eine jährliche Summe zur Anſchaffung von Apparaten und Chemikalien bewilligt wurde. Nach abermals 5 Jahren ging auch Liebig's brennender Wunſch, ſein Inſtitut vergrößert zu ſehen, endlich in Erfüllung. Im Laufe von drei Sommermonaten des Jahres 1839 entſtand der Verbindungsbau zwiſchen dem urſprünglichen Laboratorium und der Klinik, und in den ſo gewonnenen Räumen richtete nun Liebig das Laboratorium ein, das den Bedürfniſſen der damaligen Zeit vollauf genügte und lange Jahre hindurch allen neu zu gründenden Laboratorien als Muſter und Vorbild gedient hat. Wenn heutzutage faſt auf allen deutſchen Hochſchulen ſtattliche, für die Chemie eigens errichtete Gebäude, oft geradezu chemiſche Paläſte, prangen, für deren Bau und Einrichtung die Regierungen mit Zuſtimmung der Stände Hunderttauſende verwilligt haben, und in denen die Profeſſoren der Chemie, umgeben und unterſtützt von zahl⸗ reichen Aſſiſtenten, nicht nur theoretiſche Chemie lehren, ſondern auch praktiſchen Laboratoriums⸗ unterricht erteilen, ſo iſt dies Juſtus Liebig's Verdienſt.
Liebig hat dazu die Bahn gebrochen, nicht nur dadurch, daß er in Gießen das erſte jedermann geöffnete Unterrichtslaboratorium gründete und mit der großen Zahl der ihm zu⸗ ſtrömenden Schüler dartat, daß ein Bedürfnis nach ſolchen Inſtituten für den chemiſchen Unterricht vorhanden ſei, ſondern ebenſo dadurch, daß er zeigte, wie Chemie mit Nutzen gelehrt und gelernt werden muß, und wie notwendig ferner es iſt, daß nicht bloß der Chemiker von Fach, ſondern auch der Techniker und Induſtrielle gründliche allgemeine chemiſche Bildung ſich aneignet, gegenüber der früheren Meinung: es genüge, wenn der Soda⸗ oder Farbenfabrikant, der Seifenſieder, der Hüttenmann, der Bierbrauer u. ſ. w. eben nur diejenigen Teile der Chemie erlerne, die für ſeinen beſonderen Zweck nötig ſcheinen. Dank dem Streben


