— 8Z—
erſten Schritte zur Organiſation des Laboratoriums, deſſen Begründung eine Epoche in der Geſchichte der Chemie bedeutet.
Liebig ſollte nicht lange auße rordentlicher Profeſſor bleiben. Schon nach wenig mehr als Jahresfriſt ſtarben die beiden ordentlichen Profeſſoren, von denen bislang Vorleſungen über Chemie und verwandte Fächer gehalten worden waren, und die Staatsbehörde, die ſich kaum von dem Schrecken erholt hatte, einen einundzwanzigjährigen Extraordinarius ernannt zu haben, ſtand nun der noch heikleren Frage gegenüber, ob man den Zweiundzwanzigjährigen mit dem Ordinariat belehnen ſollte. Aber Liebig's Ernennung zum Ordinarius(ordentlichen Profeſſor) wurde durch ein gemeinſames Gutachten der philoſophiſchen und der mediziniſchen Fakultät nahezu einſtimmig befürwortet. Nur der Profeſſor des Hebräiſchen(mit dem ſchönen Namen Pfann⸗ kuche) war entſchieden dagegen. Und ſo erfolgte auf den Bericht der Univerſität am 9. Dezember 1825 die Ernennung Liebig's zum ordentlichen Profeſſor der Chemie.
Man begegnet vielfach der Meinung, mit der auf Humboldt's Empfehlung von dem Großherzoge vollzogenen Ernennung Liebig's zum Profeſſor ſeien ihm zugleich die Wege gebahnt und die Mittel geboten geweſen, ſich den glänzenden Wirkungskreis zu erobern, den er ſich dort geſchaffen hat. Nichts iſt irriger als dieſe Vorſtellung. Liebig hat, um in Gießen mit Erfolg ſeine Tätigkeit entfalten zu können, wie wir ähnliches ſo oft im Leben großer Männer finden, ſeine Stellung Schritt für Schritt ſich erkämpfen müſſen. Auf der einen Seite war es der akademiſche Lehrkörper, waren es ſeine Kollegen, die ihm das Leben verbitterten, anderer⸗ ſeits hat die Zähigkeit des Darmſtädter Miniſteriums, wo es ſich um Geldbewilligungen für ſein Laboratorium handelte, ihm in den erſten Jahren viel ſchwere und ſorgenvolle Stunden bereitet. Vielen, namentlich älteren ſeiner Kollegen galt Liebig als unberufener Eindringling, der junge Profeſſor nicht als ebenbürtig, über ſeine Wiſſenſchaft, die Chemie, zuckte man die Achſel und hielt ſie gar nicht für eine echte Wiſſenſchaft. Seine Beförderung zum ordentlichen Profeſſor nannte man Favoritenwirtſchaft. Aber ſchlimmer als der Neid und die Mißgunſt der Kollegen laſtete auf Liebig die Sorge um ſein Laboratorium. Heutzutage beſitzen alle deutſchen Univerſitäten und techniſchen Hochſchulen große, mit bedeutenden Koſten errichtete chemiſche Unterrichtsanſtalten, die Laboratorien, wo Hunderte von Studierenden, Chemiker, Phyſiologen, Mediziner, Pharmazeuten, Landwirte, Techniker chemiſche Ausbildung ſuchen. Das iſt hauptſächlich Liebig's Verdienſt! Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Laboratorien der Univerſitäten, wo es überhaupt deren gab, dunkle, in abgelegenen Gebäude⸗ teilen befindliche, mit den unvermeidlichen Glühöfen verſehene Kellerräume, höchſtens küchen⸗ artige Zimmer, in denen der Profeſſor zugleich die chemiſchen Vorleſungen hielt. Keines von ihren war ſo eingerichtet, daß darin zugleich praktiſcher chemiſcher Unterricht erteilt werden konnte, wozu es außerdem den Profeſſoren an Neigung und wohl auch an Befähigung fehlte. Wie beſcheiden die Anſprüche waren, die die Chemie Ende des 18. und Anfang des 19. Jahr⸗ hunderts zu machen ſich erlaubte, das erhellt aus einem im Archiv der Marburger Univerſi⸗ tät aufbewahrten, aus dem Jahre 1788 ſtammenden Schreiben, in dem der damalige Profeſſor der Chemie, Mönch, um Herſtellung eines kleinen Laboratoriums petitionierte und das Be⸗ dürfnis damit begründete, daß er hervorhob, er habe die Chemie, ohne ein Laboratorium zu beſitzen, bislang in ſeinem Hauſe geleſen; es gingen ihm viele Geräte und beſonders Gläſer zu Grunde, da er alle Experimente in ſeiner Küche machen und daraus nach jeder Vorleſung die Apparate wieder entfernen müſſe. Ein helles Licht auf die Zuſtände im Laboratoriumsweſen der Vor⸗Liebig'ſchen Zeit wirft auch eine Stelle aus Wöhler's„Jugenderinnerungen eines Chemikers“, worin der geiſtvolle Freund und Fachgenoſſe Liebig’s das Laboratorium des großen ſchwediſchen Chemikers Berzelius, des Vaters der Mineralchemie und der chemiſchen


