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Gay⸗Luſſac geſtattete ihm, in ſeinem Privatlaboratorium zu arbeiten, half ihm ſogar die Arbeit über das Knallſilber und Knallqueckſilber vollenden, und als Liebig das Jahr darauf, über die Erwartung hinaus bereichert an chemiſchem Wiſſen und beladen mit einem ſeltenen Schatze chemiſcher Erfahrungen, Paris verließ, um in ſeine Heimat zurück⸗ zukehren, war ihm aus ſeinem Lehrer ein teuerer Freund, er ſelbſt aber aus einem wiß⸗ begierigen Schüler zum Meiſter der Forſchung geworden.
Das Zuſammenleben mit Gay⸗Luſſac iſt unſtreitig wohl der ſchönſte Abſchnitt, der Lichtpunkt in Liebig's Lehr⸗ und Wanderjahren geweſen. Welche Freude müſſen zwei ſo hochbegabte Menſchen aneinander gehabt haben! Liebig hat ſelbſt einmal ſpäter ſeinem Freunde Max von Pettenkofer erzählt, daß Gay⸗Luſſac, wenn ſie eine recht ſchöne Tatſache ermittelt oder eine ſchwierige Analyſe glücklich und mit entſcheidendem Erfolge be⸗ endigt, ihn oft genommen und mit ihm um den Tiſch im Laboratorium getanzt habe.
Die Lehrzeit unter Gay⸗Luſſac hat aber in dem Geiſte des jungen Mannes, neben der Erkenntnis der Natur des Knallſilbers, noch eine andre Frucht gezeitigt, den Gedanken nämlich— und mit dem Gedanken den Entſchluß— in Deutſchland eine Schule zu gründen, in der Studierende Gelegenheit fänden, die Kunſt der Forſchung, zumal auf dem Gebiete der organiſchen Chemie, zu erlernen, wie ſie ihm ſelber in dem Laboratorium des franzöſiſchen Chemikers geworden war. Auch zögerte er keinen Augenblick, Hand ans Werk zu legen. Kaum nach Deutſchland zurückgekehrt, hat er den Mut, ſich um eine außerordentliche Profeſſur an der Univerſität Gießen zu bewerben. Ein ſolches Anſinnen war denen, die dem Unterrichts⸗ weſen in Heſſen vorſtanden, noch nicht vorgekommen. Wie ein junger Menſch, kaum zwanzig Jahre alt, der kein Maturitätsexamen gemacht, der auf der Landesuniverſität weder ſtudiert noch promoviert hat, glaubt, ſo ohne weiteres außerordentlicher Profeſſor werden zu können! Unerhört! Allein Liebig's Freunde wachen über ihm. Sein alter Gönner Schleiermacher, der Kabinettsſekretär des Großherzogs, tritt warm für ihn ein. Auf ſeinen Rat unterzieht ſich Liebig einem nachträglichen Examen bei der philoſophiſchen Fakultät in Gießen, behufs Anerkennung des bayeriſchen Doktordiploms, das die Univerſität Erlangen dem jungen Gelehrten auf Grund ſeiner Arbeit über das Knallſilber aus freiem Antrieb verliehen hatte. Das Examen wird natürlich glänzend beſtanden.
Hatte das Ergebnis dieſer Prüfung bereits eine günſtigere Stimmung für den Kandidaten hervorgerufen, ſo ſchwanden die letzten Bedenken infolge von Zuſchriften, die Alexander v. Humboldt an den Großherzog und gleichzeitig an Schleiermacher richtete. Die Wärme, mit der ſich der Großmeiſter der Forſchung, auf Grund der günſtigen Berichte von Gay⸗Luſſac und ſeiner eigenen vorteilhaften Meinung von dem jungen Gelehrten, für dieſen bei dem Großherzoge verwandte, die Art, wie er ſich über die Leiſtungen ſeines jungen Freundes ausſprach, ja gewiſſermaßen Bürgſchaft für ſeine Zukunft übernahm, mußte auch den Aengſt⸗ lichen überzeugen, daß man hier einer ganz ungewöhnlich begabten, frühreifen Natur gegenüber⸗ ſtehe. Die Folge war, daß Liebig zum außerordentlichen Profeſſor der Chemie an der Gießener Hochſchule ernannt wurde. Das geſchah am 26. Mai 1824. Die Bedingungen, unter denen der jugendliche Profeſſor in ſeine neue Stellung eintritt, ſind allerdings nicht eben günſtige. Mit dem kärglich bemeſſenen Gehalte kann er keine großen Sprünge machen. Vor allem gilt es, ein Laboratorium zu erobern. Der angehende Dozent iſt glücklich, als ihm ein Pavillon der bereits für Univerſitätszwecke umgewandelten großen Kaſerne auf dem Selters⸗ berge zu dieſem Zwecke überlaſſen wird. Aber dieſer Pavillon iſt noch von einem Gendarmerie⸗ Kommando beſetzt. Schließlich gelingt es, die Beſatzung zu vertreiben, und nun geſchehen die


