Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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das Verſtändnis der Bedeutung der jungen Wiſſenſchaft der Chemie für Gewerbe und Induſtrie in ſeinem Geiſte aufgegangen. Und als ſich nun der junge Liebig, geſtützt auf ein ausführliches Begleitſchreiben des Profeſſors Kaſtner in Erlangen und vertrauend auf die Fürſprache des ihm gewogenen ſehr einflußreichen Kabinettsſekretärs Schleiermacher in Darmſtadt, mit einem Bittgeſuch an Seine Königliche Hoheit wandte, da erhielt er eine Unterſtützung gewährt, die es ihm ermöglichte, ſeinen Herzenswunſch zur Aus⸗ führung zu bringen. In Paris trifft Liebig deutſche Landsleute, die ebenfalls der Wiſſens⸗ durſt dorthin geführt hat, die nachmals berühmt gewordenen jungen Chemiker Runge, Mit⸗ ſcherlich und Heinrich Roſe, zu denen er in ein freundſchaftliches Verhältnis tritt; aber mit den Fürſten der Wiſſenſchaft, insbeſondere mit dem hochverehrten Gay⸗Luſſac in perſön⸗ lichen Verkehr zu gelangen, das will ihm anfangs gar nicht glücken. Ein günſtiger Zufall ebnet ihm auch hier die Wege. Liebig hatte im Laboratorium von Thénard ſein altes Steckenpferd, die Unterſuchung über die Konſtitution des Knallſilbers und Knallqueck⸗ ſilbers, wieder aufgenommen. Das Knallſilber bringt ihm, diesmal jedoch ohne Exploſion, wieder Glück. Es erwirbt ihm die Freundſchaft und den mächtigen Schutz des berühmten und einflußreichen Alexander von Humboldt. Doch hören wir darüber Liebig's eigne Worte, die er, bei Gelegenheit der Widmung ſeines im Jahre 1840 erſchienenen berühmten WerkesDie Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Phyſiologie, an den Großmeiſter der Naturwiſſenſchaften, an Alexander von Humboldt, richtete.

Während meines Aufenthalts in Paris, ſo beginnt Liebig ſeine Widmung,gelang es mir, im Sommer 1823 eine analytiſche Unterſuchung über Howard's fulminierende Silber⸗ und Queckſilberverbindungen, meine erſte Arbeit, zum Vortrage in der königlichen Akademie zu bringen. Zu Ende der Sitzung vom 28. Juli, mit dem Zuſammen⸗ packen meiner Präparate beſchäftigt, näherte ſich mir aus der Reihe der Mitglieder der Akademie ein Mann uud knüpfte mit mir eine Unterhaltung an; mit der gewinnendſten Freundlichkeit wußte er den Gegenſtand meiner Studien und alle meine Beſchäftigungen und Pläne von mir zu erfahren; wir trennten uns, ohne daß ich, aus Unwiſſenheit und Scheu, zu fragen wagte, weſſen Güte an mir teilgenommen habe. Dieſe Unterhaltung iſt der Grundſtein meiner Zukunft geweſen, ich hatte den für meine wiſſenſchaftlichen Zwecke mächtigſten und liebevollſten Gönner und Freund gewonnen. Sie waren tags zuvor von einer Reiſe aus Italien zurückgekommen; niemand war von Ihrer Anweſenheit unterrichtet. Unbekannt, ohne Empfehlungen in einer Stadt, wo der Zuſammenfluß ſo vieler Menſchen aus allen Teilen der Erde das größte Hindernis iſt, welches einer näheren perſönlichen Berührung mit den dortigen ausgezeichneten und berühmten Naturforſchern und Gelehrten ſich entgegenſtellt, wäre ich, ſowie viele andere, in dem großen Haufen unbemerkt geblieben und vielleicht untergegangen; dieſe Gefahr war völlig abgewendet. Von dieſem Tage an waren mir alle Türen, alle Inſtitute und Labora⸗ torien geöffnet; das lebhafte Intereſſe, welches Sie mir zuteil werden ließen, gewann mir die Liebe und innige Freundſchaft meiner mir ewig teuren Lehrer Gay⸗Luſſac, Dulong und Thénard. Ihr Vertrauen bahnte mir den Weg zu meinem Wirkungskreiſe, den ſeit 16 Jahren ich unabläſſig bemüht war, würdig auszufüllen.

Durch Alexander von Humboldt ging Liebig's ſehnlichſter Wunſch, in dem Laboratorium Gay⸗Luſſac's, des genialſten franzöſiſchen Chemikers des 19. Jahrhunderts, der gerade damals im vollen Glanze ſeines wiſſenſchaftlichen Ruhmes ſtand, Zutritt zu erhalten, in Erfüllung.

Gay⸗Luſſac beſaß kein eigentliches Unterrichtslaboratorium und nahm keine Schüler an. Humboldt's Empfehlung öffnete Liebig die Pforte dieſes chemiſchen Heiligtums.