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und dort ſo viel zu lernen ſuchte, als der Apotheker ſelbſt wußte. Auch Liebig betrat dieſen dornenvollen Weg und wurde 1818 Lehrling in der Apotheke zu Heppenheim a. d. Berg⸗ ſtraße. Doch ſagte ihm dieſe Tätigkeit wenig zu; ebenſowenig gefiel es ſeinem Prinzipal, daß der junge Lehrling auf eigne Hand chemiſche Verſuche machte. So geſtaltete ſich auch hier Liebig's Lage zu einer unerfreulichen. Das Knallſilber, das ihm ſchon einmal geholfen, ſollte wiederum die Rolle eines„Deus ex machina“ ſpielen. Um ungeſtört ſeinen chemiſchen Neigungen fröhnen zu können, experimentiert der junge Liebig zur mitternächtigen Zeit, wenn alles im Hauſe ſchon zur Ruhe gegangen, in der kleinen Bodenkammer, die ſein Schlaf⸗ zimmer darſtellt. Eines Nachts werden die Schläfer in dem Hauſe durch eine furchtbare Detonation geweckt; man eilt die Treppe hinauf, in der qualmenden Stube liegt alles durch⸗ einander, das Fenſter iſt auf das Dach hinausgeſchleudert. Der Lehrling iſt glücklicherweiſe verſchont, allein ſeines Bleibens in der Apotheke iſt nicht länger. Juſtus ſchnürt ſein Bündel und eilt nach Darmſtadt ins Elternhaus zurück. Hier bereits offenbart ſich an ihm jene Zähigkeit und Energie, die ihn auf ſeiner ſpäteren Laufbahn ſo Großes vollenden läßt. Un⸗ beirrt durch alle Mißerfolge, ſetzt er zu Hauſe ſeine Verſuche mit dem Knallſilber fort, und endlich gelingt es ihm, die Einwilligung ſeines Vaters zu erlangen, daß er die Univerſität beziehen darf, um Chemie zu ſtudieren. Juſtus wird Bürger der rheiniſchen Muſenſtadt Bonn, die vor kaum Jahresfriſt erſt der wißbegierigen Jugend ihre Pforten geöffnet hat. Bald iſt es ihm gelungen, die Aufmerkſamkeit des Profeſſors Karl Wilh. Kaſtner, der damals in Bonn Chemie und Phyſik vortrug, auf ſich zu lenken und zu ihm in ein näheres perſönliches Verhältnis zu treten. Er zögert deshalb auch nicht, als Kaſtner ſchon nach Verlauf von 2 Semeſtern einen Ruf nach der Univerſität Erlangen annimmt, ſeinem Lehrer dorthin zu folgen. Wie emſig er hier auch ſeinen Studien obliegt, er findet gleichwohl noch Zeit, mit voller Luſt an dem ſtudentiſchen Leben teilzunehmen, indem er in die Landsmannſchaft der Rhenanen eintritt. Aus dieſer Zeit ſtammt auch ſein ſchwärmeriſcher Freundſchaftsbund mit dem berühmten Dichter Grafen Auguſt von Platen⸗Hallermünde. Im Jahre 1822 verließ Liebig Erlangen. Die dortige Univerſität konnte, gerade wie die übrigen deutſchen Hochſchulen, ſeinem aufſtrebenden Genius nichts mehr bieten. Die Chemie wurde zu damaliger Zeit in Deutſchland meiſt anhangsweiſe in den Vorleſungen über Phyſik gelehrt. Chemiſche Arbeitslaboratorien zur allgemeinen Benutzung gab es nicht. Wer ſich in der Kunſt des Experimentierens ausbilden wollte, war auf das Ausland angewieſen, und auch da auf die Privatlaboratorien der Profeſſoren. Nächſt Stockholm, wo der große Meiſter der Mineral⸗ chemie, Johann Jakob Berzelius, einſam thronte, war es vor allem die franzöſiſche Hauptſtadt, die für ſolche Ausbildung Gelegenheit bot. Wo zu Ende des 18. Jahrhunderts der unſterbliche Lavoiſier, der Begründer der wiſſenſchaftlichen Chemie, wo Guyton de Morveau, Fourcroi und Berthollet chemiſches Licht ausgeſtrahlt hatten, wirkten zu Anfang der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts Prouſt, Chevreuil, Vauquelin, Thénard, Dulong, Biot und vor allem der große Gay⸗Luſſac, der Freund Alexander von Humboldt's. Kein Wunder, daß die ſehnſüchtigen Blicke auch unſres Helden nach den Ufern der Seine gerichtet waren. Allein wer ſollte den Aufwand einer ſo koſtſpieligen Studienzeit beſtreiten? Der Vater konnte es mit dem beſten Willen nicht; ſeine Mittel waren durch den Aufenthalt des Sohnes in Bonn und Erlangen nahezu erſchöpft, überdies hatte er für die Erziehung noch ſieben jüngerer Geſchwiſter zu ſorgen. Angeſichts dieſer Schwierigkeit gab es nur einen Weg, nämlich die Hülfe des Landesfürſten zu erbitten. Es iſt bekannt, wie lebhaft Großherzog Ludwig l. ſich für Kunſt und Viſfenſchaft intereſſierte und wie eifrig er zumal beſtrebt war, in ſeinen Landen die Gewerbetätigkeit zu heben. Ihm war


