Aufsatz 
Justus Freiherr von Liebig : zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages / Gottfried Erckmann
Entstehung
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gierung Landgraf Ludwig's X., des nachmaligen Großherzogs Ludwig l. Juſtus' Vater, Georg Liebig, beſaß ein kleines Material⸗ und Farbwarengeſchäft und pflegte manche

der von ihm verkauften Farbſtoffe, Firniſſe und Lacke ſelber zu bereiten. In dem kleinen Labora⸗ torium, das dieſem Zwecke diente, hat der Knabe ſeine erſten chemiſchen Träume geträumt. Der kleine Junge kannte kein größeres Vergnügen, als ſeinem Vater bei der Arbeit zuzuſehen und ihm gelegentlich zu helfen. So erwuchs bei ihm die Leidenſchaft für die Chemie und für das Experimentieren. Bis zu ſeinem 14. Jahre hat Juſtus ſchon alle Werke der Hof⸗ bibliothek, die von Chemie handeln, verſchlungen, und was er geleſen, das ſucht er ſich durch Experimente zu veranſchaulichen, ſoweit das ihm zugängliche Material dies erlaubt. Daß darunter ſeine Gymnaſialſtudien leiden müſſen, iſt ſelbſtverſtändlich. Statt die Metamorphoſen(Ver⸗ wandlungen) des Ovid zu präparieren, ſtudiert er die Metamorphoſen der chemiſchen Ver⸗ bindungen, und in der Stunde ſitzt er verträumt da, den Kopf vollgefüllt mit chemiſchen Ge⸗ danken. Er macht deshalb in der Schule wenig Fortſchritte und gilt bei den Lehrern des Lateiniſchen und Griechiſchen für unbegabt. Einmal fragt ihn der Rektor des Gymnaſiums, Zimmermann, nachdem er ihm vor verſammelter Klaſſe wegen ſeines Unfleißes und ſeiner mangelhaften Leiſtungen eine Standrede gehalten, mit mitleidigem Tone, was denn eigentlich noch aus ihm werden ſolle. Juſtus antwortet reſolut: Chemiker! Aber Lehrer und Mit⸗ ſchüler brechen in ein lautes Hohngelächter aus. Wie mancher von denen, die damals gelacht haben, mag erſtaunt geweſen ſein, als derſelbe Liebig 10 Jahre ſpäter zum ordentlichen Profeſſor der Chemie in Gießen ernannt wurde. Im Gymnaſium zu Darmſtadt wurden die Schüler zu damaliger Zeit noch nach ihren Leiſtungen geſetzt. Liebig ſoll eine bedenkliche Neigung für den letzten Platz auf der letzten Bank gezeigt haben. Er pflegte indeſſen ſpäter ſelbſt zu erzählen, daß ihm dieſer Platz von einem ſeiner Mitſchüler, namens Wilbelm Reuling, mit Hartnäckigkeit ſtreitig gemacht worden ſei. Als die beiden Konkurrenten um den letzten Platz ſich nach Jahren zum erſtenmale wieder begegneten, da durfte der Gießener Profeſſor der Chemie den alten Schulkameraden als k. k. Hofkapellmeiſter an der Wiener Hofoper und namhaften Komponiſten begrüßen.

Liebig's Gymnaſiaſtenlaufbahn nahm ein tragiſches Ende. Eine exploſive, von Howard und Brugnatelli zuerſt entdeckte Metallverbindung, das Knallſilber, dem ſpäter Liebig's erſte wiſſenſchaftliche Publikation geweiht war, es beſchäftigt ſchon den jungen Gymnaſiaſten. Etwas von der gefährlichen Subſtanz findet ſeinen Weg in die Schulmappe, und eines ſchönen Tages ſchlägt mitten in der Unterrichtsſtunde eine knatternde Flamme zum Entſetzen ſeines Lehrers und ſeiner Mitſchüler aus Liebig's Mappe empor.

Juſtus muß die Schule verlaſſen, ſein Vater willigt ein, daß er Chemiker wird.

Der Entſchluß, Chemiker zu werden, iſt heutigentags leicht zur Ausführung gebracht, wo zum Studium der Chemie alle deutſchen Univerſitäten und zahlreiche techniſche Hochſchulen die beſte Gelegenheit und die beſten wiſſenſchaftlichen Hülfsmittel bieten. Anders zu damaliger Zeit, wo es noch kein einziges öffentliches chemiſches Unterrichtslaboratorium gab, in Deutſch⸗ land ſo wenig wie in Frankreich und England. Der gewöhnliche Weg, ſich chemiſche Kenntniſſe zu erwerben und ſie zu erweitern, war der, daß man zu einem Apotheker in die Lehre ging

7ie Liebig iſt geboren am 12. Mai des Jahres 1803 zu Darmſtadt unter der Re⸗