Aufsatz 
Abhandlung des Gymnasiallehrers Dr. Buchenau über Burcard Waldis
Entstehung
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des Jahres 1527 ſein herrliches Faſtnachtſpiel vom verlornen Sohn 1¹⁷) vor verſammelter Bürgerſchaft aufführen ließ. In Riga hatte ſich ſeit 1524 Manches verändert; der Erzbiſchof Jasper v. Linden war am 29. Juni 1524 geſtorben, und ihm war ſein bisheriger Coadjutor Johannes Blankenfeld gefolgt. Da dieſer die evangeliſchen Prediger ſogleich aus mehreren Nachbar⸗ ſtädten vertrieb, ſo begabeu ſich 1525 die Rigaiſchen, welche den nenen Erzbiſchof gar nicht in ihre Stadt einließen, unter den alleinigen Schutz des klugen Heermeiſters Walter v. Pletten⸗ berg, der nun allein die Huldigung der Stadt empfing und ihr dagegen vollſtändige Religions⸗ freiheit zuſicherte. Mit Beirath Luthers, dem die Kirche in Liefland ſehr am Herzen lag, wie ſeine verſchiedenen Schreiben dorthin beweiſen, wurde nunmehr die Reformation durch Tegetmeier, Knöpken und den trefflichen Stadtſyndicus Johannes Lohmüller völlig durchgeführt. Der kühne Tegetmeier predigte zu Wolmar faſt unter den Augen des machtloſen Erzbiſchofs, dieſer ſelbſt wurde kurz vor Weihnachten 1525 von ſeiner eigenen Ritterſchaft verhaftet und erſt im Juni 1526 freigelaſſen, worauf er, nm Klage zu führen, zu Kaiſer Carl V. reiſte und am 9. Novbr. 1526 in der Ferne ſtarb. Nun folgte ein Interregnum, indem der erzbiſchöfliche Sitz zu Riga bis zum 8. Septbr. 1527 unbeſetzt blieb. In dieſer Zwiſchenzeit, wo der Kampf zwiſchen den beiden Religionspartheien ruhte, ließ Waldis ſein Stück aufführen*), in welchem er in groß⸗ artigſter Weiſe die beiden Kirchen ſelbſt einander gegenüber treten läßt, die alte mit ihrer äußern Gerechtigkeit durch die Werke des Geſetzes, perſonificirt in dem bei dem Vater zurück gebliebenen Sohne, die neue mit der eben wieder gewonnenen Rechtfertigung durch den Glauben in dem verlorenen Sohue. Da es nicht dieſes Ortes iſt, das Stück zu charakteriſiren, ſo will ich meine Leſer auf die beiden trefflichen Beſprechungen desſelben bei Mittler und Godeke ver weiſen, vor Allem aber ſie bitten, das Stück ſelbſt in die Hand zu nehmen, welches, wie Gödeke mit Recht ſagt,nicht nur das bedeutendſte Werk von Waldis, ſondern auch eins der bedeutendſten aus der ganzen dramatiſchen Litteratur Deutſchlands im ſechzehnten Jahrhundert iſt. Es hatte keinen Vorgänger, es hat keinen ebenbürtigen Nachfolger mit demſelben Stoffe gehabt. Ich möchte hinzufügen: es iſt das bedeutendſte Werk unſeres Dichters, weil er in demſelben am freiſten geſchaffen hat; denn in keinem ſeiner Werke, den Eſopus nicht aus⸗ genommen, hat er ſich ſo weit über den gegebenen Stoff zu erheben und denſelben mit echt dichteriſcher Freiheit nach ſeinem Zwecke zu geſtalten gewußt.

Das Faſtnachtſpiel vom verlorenen Sohn muß in den Herzen der damals durch die gewaltige geiſtige Umwälzung beſonders erregten Bewohner Rigas den tiefſten Eindruck gemacht und dem Dichter, der ſo muthig und offen für das Evangelium auftrat, bei den Vätern der

17) Aufführungen ſolchergeiſtlichen Schülercomödien waren damals und in der folgenden Zeit in Riga ſehr gewöhnlich. Vergl. Monument. Livon. IV. S. CXXXII.

18) Die Parabel vom verlornen Sohn war im 16. Jahrh. als dramatiſcher Stoff ſehr beliebt; Gervinus Geſch. d. deutſch. Dicht. III. S. 96. zählt aus den Jahren 1535 1544 vier verſchied. Bearbeitungen derſelben auf