Einer ſo angeſehenen und wohlhabenden Patrizierfamilie zu Allendorf an der Werra gehörte alſo unſer Burcard Waldis an, und es widerſpricht dieſem bedeutenden Reichthume ſeiner nächſten Angehörigen nicht, wenn er im Laufe ſeines Lebens in Armuth und Dürftigkeit erſcheint, und wenn er ſelbſt ſagt, daß er als„Armer für die Armen“ ſchreibe: ſeinen Antheil an dem väterlichen Vermögen wird er wohl bei ſeinem Eintritte ins Kloſter letzterem zugebracht haben, wenn er ihn nicht auf andere Weiſe während eines vielbewegten Lebens verlor.
Das Jahr ſeiner Geburt ſteht nicht feſt; Gödeke hat nach einer ungefähren Berechnung das Jahr 1490 als ſolches angenommen. Wir werden aber der Wahrheit vielleicht näher kommen, wenn wir noch ein halbes oder ganzes Jahrzehnt weiter zurückgreifen, ſo daß Waldis ziemlich gleichaltrig mit Luther geweſen ſein würde. Vielleicht läßt ſich bei dieſer Annahme auch am leichteſten Waldis' lebendige Schilderung von dem Jubeljahr Papſt Alexanders VI. (Eſopus IV, 1) ſo erklären, daß der etwa zwanzigjährige Jüngling ſelbſt unter der ungeheuren Menſchenmenge war, welche damals zu dieſem Feſte nach Rom ſtrömte*).
Von der Jugendzeit des Dichters, von ſeiner geiſtigen Ausbildung, von dem Berufe, welchen er ſich erwählte, iſt uns mit Gewißheit gar Nichts bekannt; denn die erſte beglaubigte Thatſache aus ſeinem Leben fällt in das Jahr 1523. Dagegen läßt ſich aus vielen Stellen ſeiner Gedichte vermuthen, daß er dem geiſtlichen Stande beſtimmt geweſen ſei, demgemäß eine gelehrte Bildung genoſſen und eine hohe Schule beſucht habe. Mittler(S. 14) macht auf Fabel 24 des 4. Buchs im Eſopus aufmerkſam, wo der Dichter von ſeiner Reiſe nach Rom ſpricht und ſein Zuſammentreffen mit einem„alten Schulgeſellen“ von Honſtein s) ſchildert. Dieſe römiſche Reiſe unternahm Waldis vielleicht als Wallfahrer, ſicher als gläubiger Anhänger der katholiſchen Kirche; denn er ſagt an jener Stelle:„Einsmahls gedacht zu werden fromb Vn zoh aus Deutſchland hin nach Rom Doch ward ich auff der Reiß nit bieder/ Trug zwibeln hin/ bracht knobloch wider/“. Hiernach fällt dieſe Reiſe ganz beſtimmt vor das Jahr 1523, in welchem Waldis ſich der evangeliſchen Lehre zuwandte, vielleicht, wie oben vermuthet wurde, ſchon in das Jahr 1500. Damals gewann er die genaue Bekanntſchaft mit den Oertlichkeiten und Alterthümern, mit dem Leben und Treiben der Weltſtadt an der Tiber, wie wir ſolche in jener 24. Fabel und noch mehr in der köſtlichen erſten Fabel des 4. Buches, der Betefahrt des Wolfes, des Fuchſes und des Eſels, finden; damals wahrſcheinlich war er auch Zeuge des röm. Carnevals.(Vergl. die Vorrede zu ſeiner„parabell vam vorlorn Szohn“). Auf derſelben Fahrt zu dem Sitze des Papſtes— denn wir haben von einer zweiten römiſchen Reiſe auch
7) Vergl. übrigens weiter unten, wo von dem Todesjahre des Dichters die Rede iſt.
8) Da die Lesarten über dieſen Namen ſchwanken(Hauſtein— Houſtein— Honſtein), ſo kann man zweifelhaft ſein, ob dieſer Schulfreund, wie Mittler glaubt, der Familie v. Boyneburg⸗Hohenſtein oder der oben ſchon öfters genannten, bei Allendorf reich begüterten Familie von Hanſtein oder gar dem gleichfalls benachbarten gräflichen Geſchlechte v. Hohenſtein angehöre. Sicher wird ſich die Sache nicht entſcheiden laſſen.
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