Aufsatz 
Abhandlung des Gymnasiallehrers Dr. Buchenau über Burcard Waldis
Entstehung
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dem einen thor abgelegene heuſerlein, daß alte fürlengſt bawfällige Pfarhaus, eine oder zwo an der Stadtmauren gelegene Scheuren außgenommen) ſampt den zwo ſchönen Kirchen, Kirch⸗ thurmen, Ratheuſern vnd anderen gebewen bis In den tieffen Grundt hinein dermaßen abge⸗ brandt vnd eingeäſchertt, daß aus den meinſten auch großen, ſtarcken heuſern nichtt ein einiges ſpänlein holtz mehr zu finden, u. ſ. w. Bei dieſer furchtbaren Zerſtörung desAllendorffiſchen Jeruſalem theilten denn auch die Kirchenbücher und die ganze ſchöne Kirchenbibliothek das Schickſal der Stadt: ſie verbrannten, nicht ſo glücklich als das höchſt intereſſante Kirchenbuch von Soden, welches im Walde verſteckt und dadurch gerettet wurde.

Bei dieſer Lage der Dinge iſt denn ſchon im vorigen Jahrhundert die Behauptung auf⸗ geſtellt worden ²), Waldis ſei ein geborener Liefländer geweſen, da er in ſeinen Fabeln von ſeinem öftern Aufenthalte in Liefland ſpricht und dieſelben ſogar einem Bürgermeiſter von Riga widmet. Da nun nach einem erſt im Jahre 1857 veröffentlichten Aktenſtücke, von dem weiter unten ausführlicher die Rede ſein wird, Waldis ſogar als ſeßhaft in Riga erſcheint und ein Geſchäft daſelbſt betreibt, ſo könnte auch dies für die angenommene liefländiſche Abſtammung unſeres Dichters angeführt werden, wenn ſich nicht dennoch ſo zu ſagen mit Gewißheit beweiſen ließe, daß Waldis ein Heſſe und zwar aus Allendorf geweſen ſei. Meine Vorgänger Strieder, Höfer, Gödeke und Mittler haben alle dieſem Gegenſtande ihre Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt, und ich werde daher das von ihnen bereits Erwähnte nur kurz berühren. Strieder(S. 424.) nennt einen Aegidius und einen Jodocus Waldis aus der 2. Hälfte des 16. Jahrh., die beide aus Allendorf ſtammten, und deren letzteren Höfer ſogar zu einem Sohne unſeres Dichters machen möchte, was ich billig dahin geſtellt ſein laſſe. Zu dieſen beiden fügt Gödeke ³)(S. 1.) noch einen dritten, Caspar Waldisvon Allendorf in Soden. Wenn nun dazu der Dichter ſelbſt ſeinen PſalterDen Erſamen, Fürſichtigen, Hanſen vnd Bernharden Waldis, Burgern zu Allendorff an der Werrha, meinen geliebten Bruͤdern widmet, ſo kann kaum noch ein Zweifel beſtehen, daß auch er aus Allendorf gebürtig geweſen ſei.

Den genauern Namen und das etwaige Gewerbe ſeiner Eltern kennen wir nicht, doch gehört Waldis einem angeſehenen Geſchlechte an, welches noch im 17. Jahrh. in den vom J. 1650 an vorhandenen Kirchenbüchern der Stadt Allendorf mehrmals vorkommt, ſpäter aus⸗ geſtorben zu ſein ſcheint, aber von ſeinem Daſein noch manche Spuren und namentlich ein ſchönes Denkmal barmherziger Menſchenliebe in einer noch heute beſtehenden Stiftung hinter⸗ laſſen hat. Der Name der Familie hängt(wie Mittler S. 14. kurz erwähnt) offenbar zuſammen mit dem einiger Oertlichkeiten in der Nähe von Allendorf. Eine halbe Stunde von der Stadt liegt nemlich ſtromabwärts und auf gleichem Ufer mit derſelben das jetzt preußiſche

2) So von Leonh. Meiſter, Charakteriſtik deutſcher Dichter. Zürich 1785. 1. Thl. 3) Wenn nicht ausdrücklich: Gödeke, Grundriß citirt iſt, ſo meine ich ſtets deſſen Schrift: Burchard Waldis. Hanover 1852.