Aufsatz 
Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems : mit Auszügen aus den noch ungedruckten Theilen beider Bearbeitungen / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
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aus schwächste, aber gewiss von Rudolf selbst herrührende Parthie der Weltchronik legt weltliche Gelehrsamkeit zur Schau aus, und stellt die grosse Anzahl von geographischen Namen und Notizen ganz richtig unter den dem ganzen Werke eigenthümlichen Gesichtspunkt einer Weltchronik, zu welcher eine historische Weltbeschreibung als nothwendiges Glied hin- zukommen musste. Diesen Abschnitt hat die zweite Recension gar nicht, weil der einzige Augenmerk ihres Verfassers, wie schon die theologische Einleitung und Schöpfungsgeschichte aus Gotfrid zeigt, auf ein geistliches Werk gerichtet war*). Daher denn nicht allein die, auch bei Rudolf wiewohl in ganz verschiedener Fassung vorkommende typische oder viel- mehr mystische Ausdeutung des rothen Meeres, sondern auch in der Ge- schichte vom Sündenfalle die Beschreibung der Verschlechterung der Na- tur zur Plage der Menschen; dieselbe noch einmal, aber viel ausführli- cher, nach der Sündflut; daher die Ausdeutung der sieben Farben des Regenbogens, die umständliche, in C. pal. 321 durch fünf Spalten lau- fende Typik des Passahlammes, daher die lange Lobrede auf die Jung- frau Maria bei Erzählung des Grünens der Rute Aarons. Alles diess hat Rudolf entweder ganz und gar nicht, oder nur in wenigen Versen eine kurze und einfache Hinweisung auf die vorbildliche Bezeichnung der Be-

*) An dem Vorhandensein oder dem Mangel dieses geographischen, etwa 2300 Verse enthal- tenden Abschnittes ist auch in defecten Handschriften und von dem flüchtigsten und unkundigsten Beschauer sofort die ältere, Rudolfische, und die jüngere Recension zu erkennen. Das Ver- hältnis der beiden Werke zu einander in diesem Punkte ist folgendes: Beide zählen nach Noahs Tode dessen Nachkommen auf, die jüngere aber verwebt gleich in diese Aufzählung einiges we- nige Geographische(doch ist die Zahl der Verse fast gleich: die ältere Recension hat von Noahs Tode bis auf Philo den buoch meister, dessen beide Recensionen auf ähnliche Weise nach Hist. schol. Gen. c. 37 fin. erwähnen[cod. pal. 327 f. 8a, C. pal. 321 f. 33 a], etwa 170, die jün- gere etwa 190 Verse). Dann folgt in der älteren Rec. unmittelbar der Thurmbau wogegen in der jüngeren erst einiges auf die geographische Ausbreitung Bezügliche vorangeht, und dann erst der Thurmbau erzählt wird. Nach dem Thurmbau folgt in beiden die Ausbreitung der Ge- schlechter, und zwar in der jüngern nur etwas Weniges von der Ausbreitung Sems, wobei aus- drücklich gesagt wird(C. pal. 321 f. 34 4), dass die Erzählung von den andern eCham und Ja- phet) gespart werden solle, an welcher Stelle nun in der ältern Rec. der geographische Ab- schnitt stehet. Hierauf haben beide, wiewohl überall in ganz abweichender Recension, die Ge- schichte von Assyrien: Ninus, Semiramis, Stiftung von Trier(nach Gotf. Vit. III, S. 66) u. s. w. welche in beiden Werken bis auf Abraham reicht.