Aufsatz 
Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems : mit Auszügen aus den noch ungedruckten Theilen beider Bearbeitungen / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

gebenheiten des alten Testamentes. Die Lobrede auf die Jungfrau Maria (bei weitem nicht das schlechteste in dieser Recension, aber nur her- kömmliche Formeln enthaltend) reicht in Cod. pal. 321 von Bl. 136 c 137 d, befasst also etwa 200 Verse; auch Rudolf hat an gleicher Stelle die durch altes Herkommen geheiligte und darum nothwendig von ihm einzuflech- tende Ausdeutung der Rute auf Maria, aber nur in 36 Zeilen(C. pal. 327 f. 83*). An manchen Stellen wird diese geistliche Beredsamkeit des Ver- fassers der zweiten Recension ganz eigentlich und absichtlich lehrhaft, was ihm jedoch einmal so übel ausschlägt, dass er ganz in den Ton eines Beichtvaters übergehet und die laxe Moral der Pönitentialbücher

für die Sünde zum voraus Vergebung ankündigend predigt: C. pal. 321 f. 122 daz dâne é iemans lip Schütze II, S. 25 26. mit got möht gehaben wip, diu gebot enämlich die Heirathsverbote) uns wan sie gotes gebotes rat sterker fint verboten an allen fteten hat. und al veſter uf geleit doch ift uns der genaden leben in der heiligen criftenheit, und der genaden zit gegeben; des ich hie wil niht betiuten, bringe einen man fin muot dar zuo wan ez ilt allen liuten daz er hoche fünde tuo, vil nach wol kuntlich erkant, daz tuo doch forchteclich: welhes wip dem man ſol ſin benant, got ist genaden rich und welhiu fol fin niftel wefen; und enphahet in alliu zil doch kan nieman daz gelefen, wanne er fich bekeren wil.

In einen solchen Ton und auf solche Doctrinen geräth Rudolf nie- mals. Einige Male geht der Reimer auch geradezu in das Abgeschmackte über, wie folgendes wunderliche Beispiel zeigen mag. Bei den Speisever- boten wird auch des Schweines gedacht, und erzählt, warum die Juden dasselbe meiden; darauf fährt der Reimer fort:

C. pal. 321 weſten fie nu bi dirre zit f. 121 a waz dar an guoter murſel lit Schütze II, S. 22. ſo taecten fie lichte ouch als ich und liezen des erbitten fich daz ſie der e vergaezen

und daz fwin mit uns aezen.

Diese Worte können unmöglich von Rudolf herrühren; dagegen entsprechen sie ganz der Richtung und dem Tone dieser zweiten Re-

cension, wenigstens kann ich sie ungeachtet eines nicht weit von die- 3 X△