flüchtigem Schritte von Begebenheit zu Begebenheit, erzählt überall ein- fach und herzlich in dem feiueren Tone und der gebildeten Sprache der höheren Welt, und vermeidet eben so den derberen Volkston wie die gekünstelte Darstellungsweise der damaligen Gelehrsamkeit und der eigent- lichen geistlichen Dichtung insbesondere. Seines Stoffes ist er froh, ohne sich desselben je zu rühmen oder zu überheben; Klagen über Un- gunst der Leitgenossen gegen Dichtung und Dichter kennt er nicht. Er ist ein Christ, nicht allein durch Lehre und Bekenntniss, sondern auch durch Erfahrang, und am herzlichsten wird seine Sprache, wenn er aus dem alten Bunde und seiner bezeichenu u g(Vorbild) hinausschauen darf in die selige Vollendung des neuen. Doch gewinnt das betrachtende und lehrhafte Element nicht nur niemals das Uebergewicht über die Erzählung, sondern wird von dem Dichter, auch bei bedeutenden Anlässen, sichtlich vermieden, wenigstens sorgsam in den engsten Schranken gehalten; seine öfter ausgesprochene und streng verfolgte Absicht ist, sich der Kürze zu befleissigen.
Man wird biernach einen höheren dichterischen Schwung in dem ganzen Werke nicht finden, aber auch nicht suchen dürfen, da der Werth desselben allein in die schlichte Erzahlung, in die einfache, naturgemässe Behandlung des Stoffes, über welche sich eine gleichmässige wohlthuende Wärme verbreitet, zu setzen ist. Allerdings hat diese Gleichmässigkeit der erforderlichen Abwechselung des Tones der Erzählung Eintrag ge-— than, doch ist der Khythmus der Verse, wenn gleich hin und wieder an die spätere Einförmigkeit des Tones der kurzen Reimpaare austreifend, im Ganzen noch sehr weit von dem todten Versmechanismus des 14. Jahr- hunderts entfernt. Die Verse haben bei durchaus genauem Reime(rüh- rende Reime so wie veraltete, der Volksdichtung angehörige Reimtöne sollen sich wohl in keinem Werke Rudolfs finden) zwar nicht durchgän-— gig eine hinreichend genaue Messung, aber die Hebungen und Senkungen finden sich überall mit geschickter Abwechselung vertheilt, und der Sinn ist niemals an das Verspaar oder den einzelnen Vers oder gar an das Reimwort gebannt.
Alles dieses ist ganz anders in der zweiten Bearbeitung. Der Text derselben weicht von dem Rudolfischen, einige wenige nachher besonders


