— 13—
Rudolfs Quelle ist die Bibel selbst, und nächst dieser die Scholastica historia des Petrus Comestor. Auf die erstere bezieht er sich zu wieder- holten Malen(als uns die heiligiu schrift seit; als ich ez an der Bibel las); die letztere nennt er nirgends, sondern beruft sich im Verlaufe seiner Erzählung bei den einzelnen Zusätzen auf die Glosse und auf die in der historia scholastica angeführten Gewährsmänner, Josephus, Me- thodius, Philo. Der Plan seines Werkes ist ein fester und gediegener: als Christ siehet er die Geschichte der Offenbarung als die einzige wahr- haſte Geschichte, die Geschichte der Heiden nur als die Nebenwege jenes einzigen, bestimate Ruhepunkte und stets erweiterte Aussichten darbietenden Hauptweges an; er lässt darum die Geschichte der Offenbarung in zu- sammenhängender Erzählung bis zu einem jener Entwickelungsmomente fortgehen, und erzählt sodann auch die gleichzeitige Geschichte der Hei- den in eben solchem Zusammenhange. Dieser das ganze Werk aufbauende und zusammenhaltende Gedanke ist Rudolfs Eigenthum; der Verfasser der Historia scholastica gibt dagegen in seinem Prologus epistolaris an den Erzbischof Wilhelm von Sens nur den unentwickelten Keim desselben, und weiss nur von einer äussern und gelegentlichen Verknüpfang der heidni- schen Geschichte mit der heiligen, zerstückelt demnach auch die heidni- sche ohne Plan und Zusammenhang als incidentia unter den Abschnitten der biblischen Historie Ausser dem Presbyter von Troyes folgt Rudolf an we— nigen einzelnen Stellen dem Pantheon des Goffrid von Viterbo, so wie dem Polyhistor des Solinus, ohne den einen oder den andern zu nen-— nen. Auch wird der erstere nur zur weiteren Ausführung solcher Er- zählungen, welche, nur kürzer, auch in der Hist. schol. enthalten sind, der andere bloss bei dem geographischen Abschnitte benutzt, wenn überhaupt, was ich fast bezweifle, Rudolf wirklich unmtttelbar aus Solinus und Gotfrid schöpfte.
An alle diese Fübrer bindet sich der Dichter keinesweges genau; er geht mit hinreichender Beherrschung des Stoffes seinen eigenen von der Gelehrsamkeit des Petrus und dem Schwulst des Gotfrid ungehemmten Gang, lässt sich aber freilich zuweilen, selbst an wichtigen Stellen, auch durch die langsamen, feierlichen Schritte des patriarchalischen Epos nicht zum Verweilen bewegen. Er schreitet rasch, oft in knappem, fast


