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ihrer Dichtungen, so verlangt die ungekünstelte, freie, liebevolle und gänzliche Hingebung an ihren Stoff, dessen Erhabenheit ihre ganze Seele erfüllt und bewegt, die Innigkeit und Wahrheit ihrer Empfindungen, die ein- fache Treue mit der sie an der Person des Erlösers so wie an den übri- gen personen der Offenbarungsgeschichite festhalten, die Unmittelbarkeit und Unbewusstheit, mit welcher sie die selige Befriedigung ihres eigenen Herzens sowie der gesammten Christenheit schildern, auch von Seiten des Kunstrichters die volleste Anerkennung, da hiermit wenigstens die allge- meinen Grundlagen und die ersten Anfänge aller Poesie gegeben sind. Kommt hierzu noch eine gebildete würdige Sprache, und eine einfache von Prunk und Spielerei entfernte Darstellung, so darf man auch einen sonst minder begabten Dichter jener Zeiten wenigstens nicht geringschätzig beurtheilen. Rudolf von Ems, welchem wir alle diese Eigenschaſten ge- wiss nicht absprechen werden, und von dem sich ausserdem ohne Ueber- treibung behaupten lässt, dass seine Hingebung an den Stoff im Barlaam und in der Welichronik(den Wilhelm kann ich freilich so hoch nicht anschlagen) mit einer hinreichenden Beherrschung desselben verbunden, wenigstens keinesweges zu einer gedankenlosen Unterordnung unter den-— selben geworden sei, kann man darum nur höchst ungerechter Weise mit Gervinus zu den Langweiligsten und Schlechtesten rechnen, vielmehr ste- het er, wenn schon an der Grenze, doch noch innerhalb der besseren Zeit. Es wird also auch nicht der schlechte Geschmack der Zeit die Ver- breitung der Weltchronik verursacht haben; nur an den späteren Bear- beitungen derselben lässt er sich zur Genüge verfolgen. Auf der anderen Seite aber war allerdings der Inhalt die wesentliche Ursache der grossen Geltung und Verbreitung dieses Werkes. Es entsprach der ſestbegründe- ten christlichen Weltanschauung seiner Zeitgenossen, welche wiederum durch dasselbe näher bestimmt und erleuchtet wurde. So sicher und so durchgreifend war das Bewusstsein von der Offenbarung und der christ- lichen Kirche als dem nothwendigen Mittelpunkt des gesammten mensch- lichen Lebens, dass man auch nur in der Geschichte dieser Offenbarung den eigentlichen Kern und Leitfaden der Geschichte des menschliehen Geschlechtes erkannte— ein Gedanke, der in seinem Ursprung zwar keinesweges von Rudolf herrührt, wohl aber von ihm zuerst in die


