Aufsatz 
Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems : mit Auszügen aus den noch ungedruckten Theilen beider Bearbeitungen / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
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wenige, ihrem Inhalte nach genau begrenzte, in ihrer Tendenz vollstän- dig zu verfolgende, durch die Eigenthümlichkeit des Verfassers bestimmt bedingte und dieselbe hinlänglich ausprägende Denkmäler zur genaueren Beobachtung vorliegen, und diese zugleich als die Richtung gebenden und Ton anschlagenden Stimmen sich vernehmen lassen. Noch anders gestal- tet sich die Sache, wenn es sich zeigt, dass nicht allein die Poesie, son- dern der Stoff die Ursache der allgemeinen Verbreitung solcher Werke ist, und dass man erst durch Würdigung des Inhaltes ein vollständiges Urtheil über dieselben und ihre Leser gewinne.

Diese Gesichtspunkte müssen von der anderen Seite scharf in das Auge gelasst werden, wenn man Rudolfs Werke eine gerechte und all- seitige Beurtheilung will angedeihen lassen. Allerdings sind sie mehr cul- turgeschichtlicher als kunstgeschichtlicher Art, indessen führt die so eben verlangte Würdigung des Stoffes in diesem Falle auch zu einer ehren- den Anerkennung, wenigstens zu einer billigen Beurtheilung des poeti- schen Werthes.

Die Anerkennung und das Verständniss unserer älteren Literatur wird zu einem sehr grossen Theile bedingt durch die Anerkennung des Chri- stenthums, und zwar nicht etwa bloss der christlichen Lehre, sondern hauptsächlich des christlichen Lebens. Der moderne Widerwille gegen das Christenthum als einen Gegenstand der eigensten Lebenserfahrung, als cine Thatsache, von deren Wirkungen alle anderen Thatsachen, alle Le- bensäusserungen des Volkes durchdrungen werden, als einen Lustand, welcher alle auderen Zustände der Individuen wie der Gesellschaft um- schliesst, dieser Widerwille, der sich oft mit einem scheinbaren Gelten- lassen der christlichen Doctrin nur schlecht bemäntelt, wird niemals auch nur zu leidlichem Verständnisse der Literatur des deutschen Mittelalters curchdringen. Damals war das Christenthum mit dem Leben, und zwar vorzugsweise mit den höheren, geistig bewegteren Sphären des Lebens auf das innigste verwachsen, und wie die Dichter jener Zeit die voll- kommenste Hingebung an das thatsächliche, selbst erfahrene Christenthum an den Tag legen, so verlangen sie zu ihrer gerechten Beurtheilung eine ähnliche Hingebung. Machen sie also Thatsachen der Offenbarung oder Zu- staude des christlichen Lebens und der christlichen Kirche zu Gegenständen