Aufsatz 
Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems : mit Auszügen aus den noch ungedruckten Theilen beider Bearbeitungen / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
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Jahrhundert, noch zu der Zeit, als man die Nibelungen und Parcival, lwein und Tristan noch kannte und las, gehabt haben, als diese Dich- tungen ersten Ranges; entschieden ist es, dass sie einen weit längeren Lebenslauf in der lesenden Welt hatten, als das Lied, welchem wie dem Helden, den es besang, nur ein kurzes, wenn schon glänzendes Leben beschieden war. Unter diesen Gesichtspunkt lässt sich allerdings auch Rudolfs Reimchronik stellen, zumal wenn wir ihre verschiedenen Gestal- ten, freilich in höchst unkritischer Weise, für eine und dieselbe auschen. Sie ist eine der letzten Sprossen der epischen Kunstpoesie, aber, hervor- gewachsen aus einem neuen dieser Dichtungsgattung wenig gemassen Bo den welcher bald wieder zahlreiche neue Auswüchse hervortricb, über- raukte und überwuchs sie den erzeugenden Stamm, das ursprüngliche Kunstepos, bald bei weitem, und wird durch ihre oft zum blossen Aus zuge werdende Kürze dem steigenden Wohlgefallen an der därftigsten, nacktesten, wenn nur gereimten Erzälilang eben so sehr entsprochen wie Vorschub geleistet, mithin zu der wachsenden Verschlechterung des Ge- schmackes wohl das ihrige beigetragen haben.

Mag nun auch die Geschichte der Literatur als Geschiichte der Kunst bei diesen untergeordneten Erscheinungen stillschweigend oder misbilli gend vorübergehen, die Literargeschichte als Geschichte der Cultur kann sich der genauen Betrachtung derselben und der sorgsamen Erwagung des geistigen, insbesondere sittlichen Zustandes der Gesellschaft, aus dem sie hervorgiengen, und auf den sie wieder bestätigend und bestimmend einwirkten, nicht entziehen. Freilich gilt in späteren Zeiten diese Be trachtung mehr der Gattung der Schriften, als den ladividuen, die sich durchweg ziemlich ähnlich sehen und bei dem geringen Aufwande gei- stiger Fähigkeit, durch den sie erzeugt wurden, nur geringe Aufmerksam keit in Anspruch nehmen können; schärfer muss diese Aufmerksamkeit schon gespannt werden, wenn der Anfangspunkt einer solchen Reihe von Schriftwerken, wenn die tonangebende Erscheinung selbst zur Betrachtung gezogen wird; noch höheres Interesse gewinnt die Untersuchung, wenn nicht wie in neueren Zeiten Fluten vou Schriften uns überströmen, welche ihrem Inhalte nach, wie Welle in Welle, in einander überlaufend, das Auge abstumpfen und die Aufmerksamkeit ermüden, sondern einzelne