Aufsatz 
Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems : mit Auszügen aus den noch ungedruckten Theilen beider Bearbeitungen / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
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dicht am Boden mit zähem oft fast unvertilgbarem Leben fortwucherten, während der Mutterstamm oft, längst ausgegangen und vermodert, einem neuen, ganz verschieden gearteten Baumgeschlechte seine Stelle eingeräumt hatte. Für die niederen Schichten der Gesellschaft und in denselben bil- det sich eine Gattung von Schriften, welche dem Bedürfnisse dieser Re gionen zusagend, von denselben, unbekümmert um den Widerstreit der höheren Lebenskräfte der Literatuar, um den sieg der einen oder den Untergang der andern, oft mehrere Menschenalter hindurch gepflegt wird und sich der Natur der Sache nach einer bei weitem grösseren Verbrei- tung erfreuet, als die Werke höheren Ranges. So schen wir heut zu Tage die Mehrzahl der Leihbibliotheken angefüllt mit Ritter- Räuber- und Schauergeschichten, einem Büchergeschlechte, welches auf den ersten Aunblick ganz ausser allem Verhältnisse zu der übrigen Literatur zu ste- hen scheint, diese ignoriert und von ihr wiederum ignoriert wird; so hat neben dem Kampfe der Leipziger und Schweizer, neben Lessing, Klopstock, Göthe, die lange Reihe der Staats- und Geschichtsromane und sodann die noch längere der Robinsonaden von Daniel de Foe bis auf den noch in die Erinnerung der jetzigen Welt fallenden Wenzel von Erfurt bestanden, ohne dass die Leser, vielleicht auch die Schreiber die- ser Bücher irgend eine bedeutende Notiz von Bodmer und Gottsched, von Lessing und Göthe genommen hatten; so lief unberührt von den Wogen der kirchlichen Reform des sechzehnten und der literarischen des sieben- zehnten Jahrhunderts eine Reihe von Büchern niederen Ranges neben und unter jener höheren Literatur hindurch: das Rollwagenbüchlein, die Gartengesellschaft und ihres Gleichen werden von ihrem Zeitgenossen Fischart, aber auch noch siebenzig Jahre später von Moscherosch als die beliebtesten Bücher der Lesewelt tadelnd erwähnt. In einem ähnlichen Verhäaltnisse zu der höheren Literatur des dreizehnten Jahrhunderts ste- hen der Rosengarten und dessen geringere Verwandte, die Alexandriaden, die Legenden und die Reimchroniken, nur mit dem Unterschiede, dass diese niederen Gattungen sich bald zur ausschliesslichen Literatur erhoben, indem zwei Jahrhunderte lang keine neuen dichterischen Erzeugnisse- herer Natur mit ihnen parallel liefen; grössere Verbreitung in der ge- wöhnlichen Lesewelt müssen die genannten Poesien schon im dreizehnten