Aufsatz 
Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems : mit Auszügen aus den noch ungedruckten Theilen beider Bearbeitungen / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
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Das letzte Werk Rudolfs von Emés, die gereimte Bibel, richtiger MWeltchronib, oder wie spätere Handschriften das überarbeitete und fort- gesetzte Werk nennen, Bibel und Chronib, hat sich in einem Zeitraume von zwei Jahrhunderten einer Theilnahme und Verbreitung zu erfreuen gehabt, wie, mit Ausnahme des früheren Freidank und des späteren Ren- ner, keine andere Dichtung des dreizehnten Jahrhunderts. Fragen wir nach den Ursachen dieser durch eine ungewöhnlich grosse Anzahl noch vorhandener Handschriften, durch mehrfache Ueberarbeitungen, Umbil- dungen und Fortsetzungen bewiesenen Thatsache, so lässt sich von ver- schiedenem Standpunkte aus eine verschiedene Antwort geben. Unter dem ausschliesslichen Gesichtspunkte der dichterischen Kunst auſgefasst, gehört dieses Werk zu der Literatur niederen Ranges, die zum grossen Theile eben ihrer Mittelmässigkeit, welche weder die Forderung vollende- ter künstlerischer Leistungen an sich, noch einer höheren und erustliche- ren Spannung des Gemüthes an die Leser stellt, ihre grosse Verbreitung und lange Lebensdauer verdankt: der schlechte Geschmack des Dichters in Wechselwirkung mit dem nicht besseren seiner Zeitgenossen und näch- sten Nachkommen ist es, welcher das Wohlgefallen an diesem Werke und dessen ungewöhnliche Verbreitung erzeugt hat. In diesem Sinne urtheilt Gervinas(Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen I, S. 468 471) über dieses Werk ab, nicht ohne seinen Tadel bis zu der unbilligsten Härte zu steigern. Allerdings aber ist dieser Tadel, bei aller Uebertreibung und Einseitigkeit, wenigstens auf richtige Analogieen gegrün- det. In dem Verlaufe unseres literarischen Lebens hat sich mehr als einmal die Erscheinung wiederholt, dass gewisse Zweige der Literatur sich von dem Stamme, aus dem sie entsprossen waren, abwärts senkten, als Ausläufer neue Wurzeln trieben und nun ohne weitere Gemeinschaft mit dem übrigen Leben des Baumes als niederes Gestrüpp und Geschlinge 1*