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Ueberhaupt weist alles darauf hin, dass kein Grabstein entfernt ist; nur die Lage mag veràndert sein; sonst wäre nicht der eine stark abgenutzt und der andere daneben wohl erhalten.
Die Frauengestalt auf dem grossen Stein, der wie alle abgetretenen nichts von Bronze enthält und nur schwache Umrisse erkennen lässt, hat zu beiden Seiten des Kopfes breiten bis zum Hals gehenden Haarputz; die Unterarme kommen vor der Brust wagerecht zusammen; die Taille ist lang und schmal, das Kleid in schlanker Biegung unten bedeutend erweitert; die Aehnlichkeit mit Adrianens Monument fällt sofort ins Auge. Ueber ihr ist ein verzierter Giebel und dabei rechts und links ein Wappen, unten rund, an der innern Seite etwas eingebogen. Da die Gemahlinnen der regierenden Grafen von 1451 bis ins folgende Jahrhundert bereits alle vorkamen, ist hier eine unvermählte Grafentochter zu suchen, wobei dann die beiden Wappen die der Eltern sein müssen. Ueber das Kindesalter hinaus gelangte aber nur eine einzige(abgesehen von einer Nonne, die gewiss in ihrem Kloster Liebenau bei Worms begraben wurde), nämlich Reinhards III Tochter Margaretha, die nach der Genealogie bei Herrn Jobst 1452 geboren, 1459 mit Philipp von Eppstein verlobt wurde und 1467 vor der Vermählung starb.
Diesem Stein schliesst sich ein halb so grosser quadratförmiger an, von dessen Steinhauerarbeit nichts weiter erhalten ist als unbedeutende Reste der Umschrift, wovon sich nur obiit lesen lässt, die Umrisse von zwei Schilden in der vorher angegebenen Form und in vertieftem Viereck eine weibliche Gestalt der beschriebenen ganz ähnlich; gothische Schrift dabei besagt nur: anima requiescat in pace amen. Nördlich neben Reinhard II. sind zwei kleine Steine, die ebenfalls zwei Wappen in derselben Form und darunter eine Frauengestalt zeigen, wovon die eine wieder die nämliche Tracht und Haltung hat. Wir dürfen voraussetzen, dass es Kinder waren, die so kleine Denksteine erhielten und in so kleinem Massstabe dargestellt wurden. Nun trifft es merkwürdig zusammen, dass(abge- sehen von einer 1469 geborenen Grafentochter, deren Name nicht bekannt ist und die wahrscheinlich vor der Taufe starb) in der Zeit, die hier in Betracht kommt, grade nur drei Töchter vorkommen, die im Kindesalter starben, nämlich 1. Anna, Tochter Philipps des Jüngeren, geb. 15. März 1474, st. 6 Tage alt; 2. ihre Schwester Maria gb. 4 März 1475, st. 18. Mai 1476; 3. Anna, Tochter Reinhards IV. gb. 22. Mai 1498 st. in demselben Jahre. Nehmen wir an, dass die beiden Kinder, deren Tracht und Haltung so ist wie auf dem abgetretenen Stein, Philipps Töchter Anna und Maria sind, so passt alles zusammen: Margaretha † 1467, ihre zwei Nichten und deren Mutter Adriana † 1477; das Steinbild der Letzteren gibt deutliche Bestätigung. Für den dritten der kleinen Grab- steine, dessen Frauenbild ganz anders ist und sich von der jetzigen Art eben nicht unterscheidet, bleibt dann nur Reinhards IV. Tochter Anna übrig.
Neben Adrianens Grabstein östlich liegt einer ohne Schrift und Wappen, von den kleinen der grösste, 94 Centimeter lang und 45 Ct. breit. Er zeigt in einem ausgehauenen schmalen Rechteck eine männliche Gestalt von vorn mit einer Mütze und einem langen Rock, die Hände vor der Brust gefaltet. Es ist kein anderer zu finden, dem sich dieser Stein zuweisen lässt, als Reinhards IV. Sohn Berthold, der nach Wegener am 12. Juli 1499 geboren wurde und am 27. April 1504 starb.
Endlich ist noch ein unkenntlicher Stein zu erwähnen, der an den grossen wegge- tretenen(Margaretha) stösst, kleiner als der vorige, aber länger als die drei anderen kleinen Grabsteine. Er zeigt einen Knaben und in jeder Ecke einen Schild, der auf beiden Seiten ausgeschnitten ist wie auf den Siegeln Philipps II. und Balthasars. Wegen dieser Schildform ist der Stein nach 1512 zu setzen als der späteste von allen, der letzte vor den kirchlichen
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