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Für unser Gebiet war diese Periode aber keine Zeit gross- artiger Faltungen der Erdkruste, wie z. B. im Süden Europas, sondern es entstanden hier Einbrüche und Senken des Erd- bodens. Als kleiner Einbruch gehört hierher der genannte Graben zwischen Maar und Fulda, der dadurch gebildet wurde, dass hier eine Erdscholle zwischen zwei nordwestlich streichen- den parallelen Verwerfungsspalten eingesunken ist. Infolgedessen sind Muschelkalk, Keuper- und Juragesteine, die dort dereinst den Grund und Boden an der Oberfläche bildeten, zum Teil von der Abtragung verschont geblieben. Als bedeutend grösserer Ein- bruch aber bildete sich damals die sog. hessische Senke, die Fortsetzung der oberrheinischen Grabenversenkung von Frankfurt über Giessen, Ziegenhain und Kassel bis an die Weser und noch dar- über hinaus. Hier lagerte das Tertiärmeer, ähnlich wie im Mainzer Becken, seine Sedimente(Sande, Tone, Mergel und Kalke) ab, die wir in der Wetterau sowie am West- und Nordrande des Vogelsbergs treffen.
Von ganz besonderer Bedeutung aber ist die Tertiärzeit für Oberhessen dadurch geworden, dass einerseits hier grosse Braun- kohlenflöze entstanden, und dass andererseits gewaltige vulkanische Ausbrüche den Vogelsberg schufen.
Gegen das Ende der Tertiärzeit war die Temperatur in Europa so tief gesunken, dass mit dem Beginn der nun folgenden Dilu- vialzeit, der Periode der allmählichen Herausbildung der heutigen geographischen, klimatischen und biologischen Verhältnisse, die mittlere Jahrestemperatur auch in unserer Gegend weit hinter dem heutigen Betrag zurückblieb und damit für unseren Erdteil nach und nach jenes gewaltige Naturereignis eintrat, das man mit dem Namen Eiszeit bezeichnet hat. 3
Bekanntlich wurde damals Norddeutschland von Skandinavien aus mit ausgedehnten Eismassen überdeckt, und in Süddeutsch- land schoben sich die Gletscher von den Alpen herunter nach Norden vor. Zwischen beiden Gebieten blieb ein eisfreier Streifen, dem auch Oberhessen angehörte, denn unzweifelhafte Spuren einer Vergletscherung, als Gletscherschliffe und-schrammen sowie End- moränen sind bis jetzt hier noch nicht gefunden worden. Im Gegensatz zu dieser Ansicht nimmt Lepsius an, dass unser Gebiet in der Haupteiszeit teilweise vergletschert war ¹.
Nach seiner Auffassung sind die ungeheuren Blockanhäufungen,
¹ Lepsius, Notizen zur Geologie von Deutschland a. a. O. S. 31— 34.


