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T. 1 (1908) Starkenburg
Entstehung
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Abkühlung eingetreten sein, denn gegen das Ende derselben war das Klima nur wenig wärmer als heute. Mehr und mehr ging die Temperatur zurück, und mit dem Beginn der nun folgenden Diluvial- zeit war sie so weit gesunken, dass ihr Mittelwert in unserer Gegend hinter dem jetzigen Betrag(10° C.) zurückblieb, dazu kam eine be- deutende Vermehrung der Niederschläge in den hochgelegenen Teilen Europas; es bildeten sich hier riesige Gletscher, die an den Gebirgs- rändern zu einer zusammenhängenden Eisdecke verschmolzen und als solche sich weit in die Niederungen vorschoben. Gewaltige Eismassen drangen von Skandinavien und Finnland bis zu den deutschen Mittelgebirgen vor sowie von den Alpen bis in die süd- lichen Teile des Schwarzwaldes und der Vogesen. Über fast ganz Europa brach damit allmählich jene furchtbare Kälteperiode her- ein, die man mit dem Namen Eiszeit bezeichnet, und deren Ur- sachen bis heute noch nicht genügend aufgeklärt sind. Wie sie nicht unvermittelt und plötzlich kam, so herrschte sie auch nicht ununterbrochen während der Diluvialperiode. Nein, Zeiten des Vordringens des Eises wechselten mit solchen des Rückzuges ab, in denen die Temperatur stieg und wieder normale klimatische Zustände eintraten. Für Europa nimmt man eine viermalige Ver- gletscherung mit drei solcher Zwischeneiszeiten oder Inter- glacialperioden an.

Zeugen der Vergletscherung findet man z. B. in Norddeutsch- land in den Moränen mit Gletscherschliffen und in den erratischen Blöcken, jenen mächtigen Granitmassen, die das Eis dereinst aus Skandinavien hierher gebracht hat. Auf Grund des Vorkommens aller dieser Glacialbildungen hat man den Verlauf der Eisgrenze in der norddeutschen Tiefebene annähernd festgestellt. Sie ging von der Rheinmündung durch Westfalen nach dem Teutoburger Wald und Harz, östlich von letzterem Gebirge sprang sie dann gegen Süden nach Thüringen herunter, lief durch Sachsen, südlich von Zwickau, Chemnitz, Dresden und Zittau am Fusse des Lausitzer Gebirges und Riesengebirges vorüber nach den Karpaten und von hier in das russische Tiefland.

. Von den Eisbedeckungen blieb nur ein verhältnismässig kleiner Streifen von Mitteldeutschland verschont, in dem sich auch die oberrheinische Tiefebene und der Odenwald befanden. In diesen Gegenden äusserte sich der grosse Feuchtigkeitsgehalt der Luft in starken Niederschlägen, besonders in der Form von grossen Schneemassen, die in der wärmeren Jahreszeit zum allergrössten

Teile abschmolzen. Naturgemäss führten dadurch die Flüsse jener 2*½