sie von vielen bezeichnet, während sie doch allgemein bildende Unterrichtsanstalten sind mit dem Ziel, zur Hochschule vorzubereiten, und als solche durch den kaiserlichen Erlaß vom 26. November 1900 anerkannt worden sind. Wie die Gymnasien und Realgymnasien haben sie die Aufgabe, ihre Zöglinge bekannt zu machen mit allem Guten und Schönen, sie an geistige Selbsttätigkeit zu gewöhnen und sie zu sittlichen Persönlichkeiten zu er- ziehen. Nur streben sie auf einem anderen Weg als die humanistischen Anstalten diesem Ziele zu.
Wer die Geschichte der Erziehung und unsere politische und soziale Entwicklung überblickt, der weiß, daß diese Schulgattung kommen mußte, und daß sie in der Folge immer mehr die höhere Schule für die überwiegende Mehrheit unsres Volkes werden wird. Unsre Weltmachtstellung, das Aufblühen von Industrie und Technik, Handel und Verkehr, und die dadurch herbeigeführte Berührung mit anderen Nationen verlangen gebieterisch neue Bildungsstätten auf der Grundlage nationaler und moderner Kultur. Diese Reform- bewegung, die wir in Deutschland beobachten können, ist nur ein Glied in der allgemein europäischen. 1891 ist in Frankreich dem Enseignement classique das Enseignement moderne nebengeordnet worden, wie Poincaré in der Kammer sagte, non pas comme un enseignement professionnel, non pas comme un enseignement spécial, mais comme un enseignement classique, dans toute l'acception du mot, c'est-à-dire qu'il a pour objet la culture générale de l'esprit. Italien hat in seinem liceo moderno und in seinem liceo scientifico, England, das ja keinen einheitlichen Lehrplan besitzt, in der modern side seiner höheren Schulen Einrichtungen getroffen, die unsrem Realgymnasium bezw. unsrer Oberrealschule ähneln. Dänemark hat durch Gesetz von 1903 das neusprachliche und das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium geschaffen. Ueberall also das gleiche Bestreben; denn das Ideal der Erziehung kann nicht mehr ausschließlich oder auch nur überwiegend literarisch-ästhetisch sein.
Der Direktor legte nun eingehend Zweck und Methode der Lehrfächer der Ober- realschulen dar. Er zeigte im einzelnen, wie diese Schulen durch Mathematik und Natur- wissenschaften, Erdkunde und Zeichnen die Geisteskräfte bilden, das Verständnis der realen Welt vermitteln, wie sie durch physikalische und chemische Schülerübungen einen „Idealismus der schaffenden Tat“ wecken, und durch die Biologie mit einer organischen Weltanschauung vertraut machen, sowie mit Bescheidenheit vor dem Wunderbaren und Geheimnisvollen in der Natur erfüllen sollen. Er führte aus, wie diese modernen An- stalten im Geschichtsunterricht in die Entwicklung der Menschheit einzuführen, wie sie in diesem und im deutschen Unterricht Deutsche zu erziehen und im deutschen und neusprachlichen Unterricht eine modern-humanistische Bildung zu erschließen haben. Scharf wandte er sich bei Besprechung des Französischen und Englischen, obwohl er ein großer Freund der Sprechübungen und des mündlichen Betriebs sei und ihren prak- tischen Wert nicht unterschätze, gegen die Auffassung des früheren französischen Unter- richtsministers Leygues, der von den lebenden Sprachen gesagt hat: on ne doit pas en faire un instrument de culture littéraire ou de gymnastique intellectuelle. Er betonte, daß nur die Beschäftigung mit bedeutenden Werken bildend wirke, daß nur sie den Zu- gang zu der Seele des fremden Volkes eröffnen, und daß es nur an solchen Werken zu einem Miterleben dessen kommt, was ihre Verfasser an Tiefem und Edlem gedacht, an Schönem und Erhabenem gefühlt und an Großem und Hohem gewollt haben.
Wie unsere Vorstellungen durch Assoziation mit einander verbunden werden, wie unser Wissen durch Assoziation Dauer, Klarheit und Tiefe erhält, so kommt in unser geistiges Leben nur Ordnung und Zusammenhang durch Verknüpfung der Bildungs- elemente, die die oben erwähnten Fächer in sich bergen. Deswegen forderte der Direktor in den Primen in philosophischem Geiste erteilten Unterricht und selbständigen Unter- richt in diesem Fache, wie er seit langem an den franzöõsischen Gymnasien besteht, wie wir ihn in der Schweiz finden, wie er in Oesterreich seit 1849 eingeführt ist, wie er in dem Bericht der Kommission über eine Neuordnung des italienischen Bildungswesens von 1909 vorgesehen ist, und wie er in Preußen von 1837— 1882 bestanden hat. Heute


