Aufsatz 
Die Einweihungsfeier der Liebigs-Oberrealschule / Karl Dorfeld
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ist Württemberg der einzige deutsche Staat, in dessen Oberrealschulen philosophischer Unterricht gegeben wird.

Soll der Abiturient auch ferner von uns gehen, ohne gehört zu haben, daß der Materialismus keine Antwort auf die Frage gibt, wie kann Bewegung Bewußtsein hervor- rufen? Soll er sich etwa Rats bei Haeckel holen? Soll der zukünftige Arzt, der Richter, die heute nur ihr Fachstudium treiben, von Gefühlen, Trieb, Begehren, Neigung, Leiden- schaft, Wollen und Charakter überhaupt nichts hören? Soll, wie Rudolf Eucken meint, das arge Mißverhältnis zwischen einer unermeßlich reichen und fruchtbaren Betätigung nach Außen und einer völligen Unsicherheit und Leere im Innern, wie es das Leben der Gegenwart zeigt, auch für die Folge bestehen bleiben?

Arbeite man, so folgerte der Redner, in den einzelnen Lehrfächern in der vor- gezeichneten Weise, dann werde man ein mit Kenntnissen, Urteilskraft und Willensstärke begabtes Geschlecht heranziehen, bereit zum Schutze für Altar, für Thron und Vaterland.

Zur Erfüllung dieser schönen, aber nicht leichten Aufgabe bat der Direktor seine Kollegen um Unterstützung. Ein einheitlicher Geist, ein einmütiges Zusammenwirken müsse in allen grundsaätzlichen Fragen an der Anstalt bestehen, jedoch solle die freie Entfaltung der Individualität nicht gehemmt werden. Im Notwendigen Einheit, im nicht Notwendigen Freiheit, in allem Liebe.

Von den Schülern, für die das Haus gebaut worden sei, erwarte er als Dank Arbeits- freudigkeit und Pflichttreue, Gehorsam, Wahrhaftigkeit und gutes Betragen. Die Jugend- freude solle ihnen darüber nicht verkümmert werden, denn er stimme Hrabanus Maurus zu, der meint, um eine Schule sei es gut bestellt, wenn man sagen könne: laeti tirones, laeti magistri, laetissimus rector. Die Jugend, die in diesem Hause heranwachse, sei aber auch beseelt von selbstloser Hingabe zum Wohle des Ganzen. Möchten die Jüng- linge dereinst charakterfeste Männer sein, die, voll Gottesfurcht und begeistert für das wahrhaft Schöne, Hohe und Edle, ihre Mitmenschen achten, den Fürsten ehren und das Vaterland lieben.

Zuletzt richtete der Direktor einen warmen Appell an das Elternhaus und bat um Vertrauen und Offenheit. 3

Mit dem Vortrage der Hymne von HaydnDie Himmel erzählen die Ehre Gottes durch Chor und Orchester erreichte die bei aller Einfachheit erhebende Feier ihr Ende. Daran schloß sich ein Rundgang der Teilnehmer durch den Neubau.