die Mittel für das Projekt bewilligten und die ersten Schritte zu seiner Verwirklichung taten. Dann aber ist die Schulverwaltung auch zur Erkenntlichkeit verpflichtet dem Architekten, der seinen künstlerischen Sinn, seine schöpferische Kraft und Begabung be- tätigte, und denen, die halfen, seine Pläne auszuführen, sämtlichen Handwerks- und Arbeitsleuten. Die Stadt hat Verständnis gezeigt für das, was sie der Jugendbildung schuldet. Darmstadt will nicht nur die Stadt der Schulen gewesen sein, sondern auch bleiben.
Wenn es wahr ist, daß die Schönheit in der Einfachheit besteht, so ist es hier ge- lungen, mit einfachen Mitteln künstlerisch Wirkungsvolles zu schaffen.
Als man in dem Bestreben, den vielen jungen Leuten von Darmstadt und Um— gebung, die das Polytechnikum besuchen wollten, eine geeignete, zeitgemäße Vorbildung zu geben, an den Ausbau einer Oberrealschule herantrat, da ahnte niemand, selbst der hochsinnige Träger dieses Plans, Herr Oberbürgermeister Morneweg, kaum, welchen Auf- schwung die Oberrealschule nehmen werde. Von 400 stieg die Zahl der Schüler auf 700 und zuletzt auf 900. Wenn der Raummangel, der hierdurch eintrat, ohne wesentliche Fähr- lichkeit überstanden worden ist, so ist das Verdienst dem Leiter der Schule, Herrn Geheimen Schulrat Dr. Dersch, zuzuschreiben. Regierung und Stadt waren sich darüber einig, daß nur durch einen Neubau Abhilfe möglich sei, nur darüber gingen die Ansichten aus- einander, ob eine Realschule, eine Mittelschule oder eine Oberrealschule zu errichten sei. Die Stadt entschied sich im Einverständnis mit der Regierung für eine Oberrealschule, auf deren Notwendigkeit hier in Darmstadt die Ueberfüllung gerade der oberen Klassen hinwies. Die Stadt ging ungesäumt ans Werk, und in kurzer Zeit war es vollendet.
Aus der Neugründung von Realanstalten hat man in Verbindung mit Maßnahmen, die die Regierung in letzter Zeit an Gymnasien getroffen hat, den Schluß gezogen, die Regierung wolle sich von den humanistischen Anstalten abwenden. Nichts wäre ver- kehrter als das. Wir wissen, daß wir damit den Ast absägen würden, auf dem wir sitzen. Wohl aber müssen wir Licht und Schatten gleichmäßig verteilen und auch den Oberreal- schulen die Möglichkeit geben, die Ziele, die ihnen gesteckt sind, wirklich zu erreichen.
Die neue Schule ist mit dem Namen Liebigs geschmückt. Dadurch ist das Ziel der Schule gekennzeichnet. Mathematik und Naturwissenschaften sollen den Mittelpunkt des Unterrichts bilden. Die reale Bildung ist kein Hindernis für Ideale, im Gegenteil, durch das liebevolle Eingehen auf die Natur wird Herz und Gemüt der Schüler gebildet. Auch den Willen soll die Schule bilden. Nun hat man die Schule vielfach verantwortlich gemacht für Verhältnisse, die sie nicht geschaffen hat, und an denen sie nichts zu ändern vermag. Die Schule beherrscht nicht den Zeitgeist, wohl aber muß sie dem Bedürfnis der Zeit gerecht werden. Gegen die Schäden unsrer Zeit gibt es kein Allheilmittel, wohl aber muß die Schule ldeale pflegen und die Jugend empfänglich machen für alles Wahre, Schöne und Gute. Auch in dieser Beziehung soll die Oberrealschule mit den anderen Anstalten in Wettbewerb treten. Möge die neue Unterrichtsanstalt den Schülern eine auf Gottesfurcht und Menschenliebe begründete Lebensanschauung beibringen, die den Schöpfer in dem Geschöpfe zu ehren und zu lieben vermag. Möge sie charaktervolle Männer bilden, die den Mut haben, sich zu stellen gegen die Meinung des Tages, aber nicht auf Grund eines übertriebenen Individualismus, sondern auf Grund des sittlichen Pflichtbewußtseins. Hier ist Unterordnung notwendig als Quelle wahrer bürgerlicher Freiheit.
In diesem Sinne übergebe ich dem ersten Direktor der Schule, Herrn Dr. Dorfeld, die Leitung. Herr Dr. Dorfeld ist ein bewährter Schulmann und Direktor, dessen aus- gezeichnete Eigenschaften die Schulverwaltung schon vor Jahren dadurch würdigte, daß sie ihm die Leitung eines pädagogischen Seminars anvertraute. Bei der Einführung eines so erprobten Direktors erübrigen sich eingehende Darlegungen über seine Pflichten und Rechte. Darum nur wenige Bemerkungen.
Der Direktor ist nicht nur Erzieher; er hat als Organ der Regierung auch deren Instruktionen nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Sinne nach durchzuführen. Seine Stellung zu den Lehrern ist neuerdings durch eine Dienstanweisung geregelt worden. Diese genügt natürlich nicht; auch hier ist die Grundlage gegenseitiges Vertrauen, und


