Aufsatz 
Die Einweihungsfeier der Liebigs-Oberrealschule / Karl Dorfeld
Entstehung
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von der Stadtverordnetenversammlung genehmigt und ein Betrag von 570 000 Mark für die neue Oberrealschule bewilligt. Der Bau wurde im September 1909 begonnen und in genau zwei Jahren vollendet. Die Werkzeichnungen wurden unter Leitung des Herrn Stadtbaurat Buxbaum von Herrn Regierungsbaumeister Becker und Herrn Architekten Schnatz ausgeführt. Die Bauleitung war Herrn Bauführer Rathgeber übertragen. Die Ausstattung der Laboratorien besorgte Herr Bauführer Oesterling.

Als Tag der Einweihung des neuen Gebäudes war der 27. September festgesetzt worden. Um 10 ½ Uhr versammelten sich Lehrer und Schüler in der geschmückten Turnhalle, die zugleich als Festraum dient. Bald hatte sich eine zahlreiche Festversammlung eingefunden, sodaß der stattliche Raum kaum alle zu fassen vermochte. Als Gäste konnten wir begrüßen den Vorsitzenden der Schulabteilung, Herrn Geheimerat Süffert, mit sämt- lichen Räten der Schulabteilung, Herrn Oberbürgermeister Dr. Glässing, Herrn Bei- geordneten Baurat Jäger, viele Stadtverordnete, sowie die Beamten des Stadtbauamts und Beamte der Bürgermeisterei, die Vertreter der geistlichen und weltlichen Behörden, die Direktoren der höheren Schulen, das Kollegium der Ludwigs-Oberrealschule, den Kreis- schulinspektor, den Turninspektor, die beiden Schulvorstände, die Vertreter der Presse und Eltern, sowie Angehörige unsrer Schüler.

Den Weiheakt eröffnete das Schülerorchester durch frischen und stimmungsvollen Vortrag des Einzugsmarsches aus Tannhäuser. Unterprimaner Frank sprach dann aus- drucksvoll einen Prolog, in dem Gott dem Herrn für das glücklich vollendete Werk ge- dankt und sein Segen für Lehrer und Schüler im neuen Heim erfleht wurde. Nachdem der Chor unter der straffen Leitung des Herrn Reallehrer Pfaff den Festgesang von Weinreis mit Orchesterbegleitung vorgetragen hatte, übergab Herr Oberbürgermeister Dr. Glässing der Regierung das Haus mit folgenden Worten:

Es ist der Tag gekommen, an dem die lange andauernde und fast unerträglich gewordene Raumnot der Oberrealschule ein Ende findet. Wir stehen im Begriffe, das neue Haus seinem Zwecke zu weihen und damit einen erfreulichen Schritt vorwärts zu tun in der Gesamtentwickelung der Realwissenschaften in Darmstadt.

Die erste städtische Realschule wurde 1827 errichtet. Sie war bald verstaatlicht und führte uns im Jahre 1879 zu einer Realschule erster und zweiter Ordnung und zur Trennung des Realgymnasiums von der Realschule. Die Oberrealschule zählte im Jahre 1909 annähernd 900 Schüler, die unteren und mittleren Klassen mußten dreifach geführt werden, und nach dieser Dreiteilung waren die meisten Klassen noch bedenklich überfüllt. So wurde der Neubau am 4. März 1909 mit einem Kostenaufwand von 570 000 Mark beschlossen, nachdem Stadtbaurat Buxbaum das sehr klar und gut vor- bereitete Bauprojekt in Vorlage gebracht hatte. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln

hat das Stadtbauamt ein gutes, den Erfordernissen der Schulhygiene entsprechendes

Projekt von schöner, harmonischer Wirkung erzielt. Nach einer Bauzeit von 2 Jahren war das stattliche und zweckmässige neue Heim vollendet. Mit Ausnahme der Beton- arbeiten waren nur in Darmstadt ansässige Handwerker und Lieferanten an dem Bau beteiligt. Das Gebäude umfaßt 19 Klassenzimmer und 8 den praktischen und natur- wissenschaftlichen Uebungen gewidmete Räume nebst Zubehörzimmer.

Möge die neue Oberrealschule mit ihrem erweiterten, neusprachlich und natur- wissenschaftlich vertieften Programm in diesem Hause eine Jugend bilden, die als ganze Männer in die Welt hinausgeht, die erfüllt ist von Pflichtbewußtsein gegen Stadt und Vaterland und sich als nützliche Glieder dem Ganzen anschließt!

Möge das Haus sich erweisen als eine Pflege- und Heimstätte deutscher, dem Idealismus und den Naturwissenschaften zugewandter Bildung, deutscher Gesittung, deutscher Denk- und Handlungsart!

An den Herrn Vertreter des Großh. Ministeriums, Herrn Geheimerat Süffert, richte ich nunmehr die Bitte, das Haus seiner Zweckbestimmung entgegenführen zu wollen!

Hierauf ergriff Herr Geheimerat Süffert das Wort und führte etwa folgendes aus: Indem ich das Schulhaus übernehme, danke ich allen, die an der Vollendung des Baues beteiligt waren, vor allem der Bürgermeisterei und der Stadtverordnetenversammlung, die